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Julie Leuze, Autorin

Julie Leuze, Autorin

Als Kim erfährt, dass sie nach der Geburt im Krankenhaus vertauscht worden ist,

fährt sie kurz entschlossen zu ihren leiblichen Eltern in die Bretagne, um dort den Sommer zu verbringen. Diese Begegnung allein wäre schon aufwühlend genug, doch dann trifft Kim auch noch Padrig. Der nachdenkliche Junge, der viel Zeit auf einer Klippe am Meer verbringt, berührt ihr Herz sofort. Aber er hat ein dunkles Geheimnis …


Herzmuschelsommer
Jugendroman
Ravensburger Buchverlag, Mai 2016
352 Seiten, Hardcover
14,99 €
ISBN 978-3473401017
Auch als Taschenbuch & E-Book erhältlich


„Vor der traumhaften Kulisse der Bretagne versucht Kim, sich selbst und ihre Wurzeln zu finden – eine wundervolle Geschichte voller Liebe, Drama und Mystik.“
– www.wonderworld-of-books-from-hannah.blogspot.de

„Ein Buch, das ich geradezu verschlungen habe. Schöner, behutsamer und berührender Schreibstil, interessante Geschichte und tolle Charaktere.“
– Lienne, www.lovelybooks.de

„Eine Sommerlektüre mit viel Gefühl. Brachte mich zum Lächeln und zum Weinen. Einfach perfekt!“
– book_lover_6, www.lovelybooks.de

„Ein richtig tolles Jugendbuch mit einem ernsten Thema. Mein Gefühls-Highlight im Jugendbuchbereich dieses Jahr!“
– Wildpony, www.lovelybooks.de

„Das Buch aus der Hand zu legen fällt extrem schwer. Die Geschichte ist nicht nur unterhaltsam, sondern hat auch sehr viel Tiefgang. Sie hat mich nachdenklich gestimmt und berührt, aber auch zum Schmunzeln gebracht. Meine absolute Leseempfehlung!“
– Maggie, www.katzemitbuch-forum.de

„Geschickt verbindet die Autorin alle Handlungsstränge miteinander und verwebt gekonnt noch Details zu Land und Leuten und den Eigenheiten der Bretonen in die Geschichte, so dass man mit den Protagonisten einen unvergesslichen Sommer in der Bretagne erlebt. Auch für Erwachsene eine überaus spannende und bereichernde Lektüre.“
– CG, www.amazon.de

„Eine wunderschöne Geschichte voller Emotionen.“
– MarTina3, www.wasliestdu.de


Leseprobe

1
Die Bretagne, hatte mir Mia vor meiner Abreise aus der Stadt erklärt, sei ein grünes, mythisches Land am Meer, sonnendurchwirkt, windumtost und bevölkert von Druiden, Feen und süßen Jungs mit schwarzem Haar und blauen Augen.
Ich stehe vor dem winzigen Flughafen in Lannion, schlinge mir fröstelnd die Arme um den Oberkörper und denke, dass die bretonische Wirklichkeit nicht viel mit Mias romantischen Vorstellungen zu tun hat. Langsam drehe ich mich einmal um die eigene Achse: tief hängende graue Wolken, eine geschlossene Bar, ein paar Raben, ein verwaister Parkplatz. Weit und breit keine langbärtigen Druiden oder schwarzhaarigen Jungs – oder überhaupt irgendwelche Menschen. Und leider auch keine Frau um die vierzig, die der Fremden auf dem Foto ähnelt, das in meiner Jackentasche steckt; der Fremden, die meine dunkelblonden Locken und leicht schrägen, braunen Augen hat, und die damit glatt als meine Mutter durchgehen könnte.
Kunststück, denke ich und seufze. Sie ist meine Mutter.
Im April habe ich es erfahren, und der Gedanke fühlt sich noch genauso seltsam an wie damals.
Tja, seltsam oder nicht, heute ist es soweit: Ich werde sie kennenlernen, damit wir nachholen können, was wir sechzehn Jahre lang versäumt haben, sie, ich und der Mann, der auf dem Foto den Arm um sie gelegt hat. Denn im Gegensatz zu den Menschen, die ich bis April für meine Eltern gehalten habe, ist das Paar auf dem Foto nicht geschieden. Wir drei werden also eine richtige kleine Familie sein, sechs volle Sommerferienwochen lang. Mindestens.
Ein verrückter Gedanke.
Vor Nervosität wird mir übel. Ich setze mich auf meinen Koffer und lenke mich von meinem flauen Magen ab, indem ich Skizzenbuch und Bleistift aus dem Rucksack krame. Nichts bringt mich so zuverlässig zur Ruhe wie das Zeichnen von Menschen oder Tieren, und so konzentriere ich mich auf das einzig Lebendige, das es hier gibt: die Raben. Den Viechern scheint es allerdings nicht zu passen, dass ich sie so genau beobachte, denn nach kaum dreißig Sekunden erheben sie sich krächzend in die Luft und machen sich mit langen Flügelschlägen davon. Enttäuscht blicke ich ihnen nach, dann verstaue ich das Skizzenbuch wieder im Rucksack.
Meine Nervosität schwillt an.
Irgendetwas muss ich tun.
Ich wippe mit dem Fuß, greife nach meinem Handy und checke WhatsApp und meine SMS. Drei neue Nachrichten: eine von Mia, zwei von Sabine – und keine von Titus.
Keine von Titus?
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Warum hat mein Freund sich noch nicht gemeldet? Immerhin bin ich nun über tausend Kilometer Luftlinie von ihm entfernt, da könnte er ruhig … Ach, Blödsinn !, unterbreche ich mich in Gedanken barsch. Dass Titus sich sehnsüchtig nach mir verzehrt, ist angesichts der vielen Male, die ich ihn in der letzten Zeit zurückgewiesen habe, definitiv zu viel verlangt.
Doch meiner besten Freundin Mia fehle ich schrecklich, wie sie mir in ihrer Nachricht wortreich versichert, und das entlockt mir ein Lächeln. Ich schreibe ihr kurz zurück, dass ich nicht abgestürzt bin und gerade am Arsch der Welt auf meine Mutter warte, dann lese ich mit klopfendem Herzen die beiden Nachrichten von Sabine.
In der ersten schreibt sie, dass sie mich heute Abend anrufen wird, und in der zweiten, dass sie mich lieb hat.
Ja, klar.
Ich schlucke hart, stecke das Handy zum Skizzenbuch in den Rucksack und wünsche mir inbrünstig, dass sie endlich auftaucht, die blondgelockte Fremde, die mein neues, heiles Familienleben einläuten wird. Wie soll ich sie eigentlich nennen?, schießt es mir durch den Kopf. Frau Bleicher? Marianne? Mutter?! Über so vieles habe ich mir auf der langen Reise hierher Gedanken gemacht, aber darüber nicht.
In diesem Moment biegt ein Renault mit quietschenden Reifen auf den Parkplatz ein. Eine Frau steigt aus und hastet auf mich zu.
Sie ist da.
Langsam erhebe ich mich von meinem Koffer.
Und schon steht sie vor mir, atemlos und strahlend. Sie ist fünfundzwanzig Jahre älter als ich, doch im dämmerigen Abendlicht sieht sie mir so ähnlich, dass es fast unheimlich ist.
»Salut, tut mir leid, dass ich zu spät bin. Ich bin Marianne«, sagt sie und fügt überflüssigerweise hinzu: »Deine Mama.«
Ich zucke zusammen. »Mutter« hätte genügt.
»Hallo, Marianne.« Obwohl das gar nicht meine Absicht war, klingt meine Stimme eine Spur abweisend.
Marianne umarmt mich trotzdem. Ich reiße mich zusammen, erwidere die Umarmung und lege meine Wange vorsichtig an ihr Haar. Ich meine, ich bin schließlich freiwillig hier! Niemand hat mich gezwungen, die Stadt und Sabine zu verlassen und in die Bretagne zu fliegen. Es war ganz allein meine Entscheidung, die gesamten Sommerferien hier zu verbringen, meine Entscheidung, bei fremden Menschen zu wohnen, in einem Kaff an der Côte de Goëlo, dessen Namen – Kerentiezh – ich noch nicht einmal aussprechen kann.
Und verdammt, auch wenn ich meinen Jähzorn seit dem Streit am Sonntag schon ungefähr hundertfünfzigmal bereut habe: Jetzt bin ich hier.
Und ich werde das Beste daraus machen.

Von Lannion bis zu dem Dörfchen, wo Marianne und Alex leben, dauert es eine Dreiviertelstunde. Eigentlich ein Katzensprung, doch da ich seit zehn Stunden unterwegs bin, kommt mir die Fahrt in Mariannes altem Auto wie eine Weltreise vor.
Ich lehne meinen Kopf gegen die Scheibe, lasse die dunkle Landschaft an mir vowrbeiziehen und döse gerade weg, als Marianne sagt: »Es ist der Motor, weißt du? Jedes Mal, wenn ich etwas wirklich Wichtiges vorhabe, lässt er mich im Stich und springt nicht an.«
Fragend blicke ich zu ihr hinüber.
»Der Grund, warum ich zu spät gekommen bin«, erklärt sie und wirft mir ein entschuldigendes Lächeln zu. »Es liegt nur an dem blöden Auto. Sonst wäre ich natürlich rechtzeitig da gewesen, wo ich dich doch nun endlich wiederhabe, nach all den Jahren …«
Wiederhat? Nach allem, was ich inzwischen weiß, habe ich Marianne nie gehört, jedenfalls nicht länger als einen Tag lang. Und was ist schon ein Tag im Leben eines Menschen?
»Kein Problem.« Ich lächele gezwungen zurück. »Mama, ähm, Sabine kommt auch ständig zu spät. Ich bin’s also gewohnt.«
Marianne blickt konzentriert auf die Straße. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Mit einem Ruck schaltet sie die Scheibenwischer ein. »Dann kannst du dich gleich umgewöhnen, Kim, ich bin nämlich ein sehr zuverlässiger Mensch. Und ich werde dich nie wieder warten lassen. Versprochen.«
Ich runzele die Stirn. Sooo schlimm waren die fünf Minuten Warterei vor dem Flughafen nun auch wieder nicht. Mir liegt Sabines Lieblingsspruch auf den Lippen: »Nun mach aus einer Mücke mal keinen Elefanten!« Aber dafür kenne ich die Frau, die meine Mutter ist, noch nicht gut genug.
Außerdem habe ich das Gefühl, dass es hier gar nicht um die fünf Minuten geht.
Also schweige ich und schaue wieder aus dem Fenster. Ich bin hundemüde. Marianne scheint das zu spüren, denn sie sagt sanft: »Schlaf ruhig ein bisschen, Kim.«
Und obwohl ich murmele, dass sich das so kurz vor dem Ziel doch gar nicht mehr lohnt, dass ich viel zu aufgedreht bin, dass ich auf Kommando sowieso nicht einschlafen kann, fallen mir prompt die Augen zu.
Vom Motorengeräusch untermalte Bilder durchziehen meinen Geist, wirr und rätselhaft: sprechende Raben mit klugen schwarzen Augen. Goldgelockte Feen, die Babys in ihren Armen wiegen. Ein schöner Jüngling, der seine ferne, traurige Liebste kein bisschen vermisst.
Eigentlich gar nicht so weit weg von der Realität.