schließen

Julie Leuze, Autorin

Julie Leuze, Autorin

Als Annikas Mutter ihr erzählt, dass sie schwer krank ist und bald sterben wird, will Annika nur noch eins: weg, und zwar schnell.

Sie nimmt ihren lange überfälligen Urlaub und flüchtet sich in ein abgeschiedenes Dorf in den Südtiroler Dolomiten. Doch im Entspannen war die dreißigjährige Karrierefrau noch nie sonderlich gut, und schon nach einem Tag fällt ihr in ihrem schicken Hotel die Decke auf den Kopf. Um der erdrückenden Leere in ihrem Inneren zu entkommen, beschließt sie, sich beim Gipfelstürmen auszupowern, und nimmt sich kurzentschlossen einen Bergführer. Samuel ist vollkommen anders als alle Männer, die Annika je kennengelernt hat. Seine Liebe zu den Bergen ist mitreißend, ansteckend, und bald bemerkt Annika, dass sie mit jedem Meter, den sie sich der Bergspitze nähert, auch ihrem eigenen Herzen näher kommt …


Für einen Sommer und immer
Roman
Egmont INK, April 2016
320 Seiten, Taschenbuch
14,99 €
ISBN 978-3863960810
Auch als Taschenbuch & E-Book erhältlich


„’Für einen Sommer und immer‘ enthält alle Zutaten, die ein kurzweiliger Liebesroman benötigt (…). Doch Leuze schreckt auch vor dem Thema Krebs und Tod nicht zurück – sie setzt diese ‚Zutat‘ freilich wohldosiert und umsichtig ein.“
– Rhein-Main-Zeitung

„Voller Emotionen und auch tiefen Gedanken über die Freundschaft, die Liebe, das Leben und die Beziehung zu seinen Eltern. Eine perfekte Mischung zum Träumen und Nachdenken.“
– Gelinde, amazon

„Wunderschön und ergreifend – ein Herzensbuch.“
– www.leselurch.de


Leseprobe

1.

Eines weiß ich mit Bestimmtheit: Es kann ätzend sein, das Leben.
Ich stehe in meinem Zimmer im Vier-Sterne-Hotel und blicke durchs Fenster auf dunkelgrüne, dicht bewaldete Hänge, schroffe Felsen und schneebedeckte Gipfel. Wäre der Grund für meinen Urlaub nicht so traurig, fände ich es hier wohl schön. Mein Verstand weiß, dass der Ausblick herrlich ist, dass ich berauscht sein müsste und beglückt. Oder zumindest auf distanzierte Weise beeindruckt.
Doch meine Seele hinkt dem Verstand hinterher, sie ist damit beschäftigt, zu verdrängen, und Nebensächlichkeiten wie landschaftliche Schönheit sind ihr vollkommen egal.
Was ein bisschen ärgerlich ist, wenn man bedenkt, wie viel die drei Wochen in diesem Luxusladen mich kosten.
Ich seufze tief.
Aber hey, das wird schon!, weise ich mich sofort zurecht und straffe die Schultern. Das wird schon. Bald bin ich tiefenentspannt, muss nichts mehr verdrängen und kann mich allem stellen. Dafür bin ich schließlich hier, für ganze drei Wochen: damit ich in aller Ruhe Kraft tanken kann. Denn Kraft werde ich brauchen für das, was vor mir liegt, zumal ich fest entschlossen bin, nicht zu versagen.
Diesmal nicht.
Ich wende mich vom Fenster ab, und während ich anfange, meinen Koffer und die große Ledertasche auszupacken, fallen mir Helenes missbilligende Worte ein.
Weglaufen ist keine Lösung. Was ist mit deinem Job, hast du keine Angst, dass sie gegen dich intrigieren, während du weg bist? Mäuschen, so geht das nicht!
Ich schlucke hart. Tiefenentspannung hin, Kraft tanken her – meine Freundin hat recht.
Natürlich hat sie das.
Denn Helene hat meistens recht: Sie analysiert jede Situation mit ihrem scharfen, wissenschaftlich geschulten Verstand, bevor sie einem ihre Vorwürfe um die Ohren haut, und sich zu verteidigen ist in den seltensten Fällen sinnvoll. Auch diesmal habe ich darauf verzichtet. Was hätte ich schon sagen können? Ich verstehe mich ja selbst nicht. Da kann ich kaum erwarten, dass meine Freundin es tut.

Eine Stunde später sitze ich im Hotelrestaurant vor einem Glas Südtiroler Weißburgunder. Das Restaurant ist in alpenländischem Stil eingerichtet, mit hellem Holz und dunkelroten Stoffen, alles wirkt zugleich gemütlich und elegant, und als ich das Glas hebe, fühle ich mich beinahe gut.
Ich schnuppere an meinem Weißburgunder. Apfelduft steigt mir in die Nase. Andächtig nehme ich den ersten Schluck.
Perfekt.
Und unwillkürlich denke ich an Henry. Bei Weinen wie diesem, säurebetont und fruchtig, hat Henry immer das Gesicht verzogen, während ich am liebsten darin gebadet hätte. Ich muss grinsen. Das war so typisch für uns beide: Wir mochten uns, hatten aber absolut nichts gemeinsam, weder beim Wein noch bei irgendwas sonst. Kein Wunder, dass unsere Beziehung nur sechs Wochen lang gehalten hat.
Was immerhin zwei Wochen länger war als die Beziehung zu Henrys Nachfolger Richard. Der schöne Richard, der mich gelehrt hat, dass der Sex mit einem körperlich vollkommenen Mann schlussendlich genauso anstrengend ist wie mit allen anderen.
Ich wische die unangenehmen Erinnerungen beiseite und widme mich lieber der Vorspeise. Und die ist ebenso köstlich wie der Wein: Bachforellenfilet, lauwarm und butterweich, begleitet von einem raffinierten Rote-Beete-Tartar. Als der Geschmack auf meiner Zunge explodiert, seufze ich selig, und in diesem Moment zählt nichts anderes als der Genuss; nicht Richard, nicht Henry, nicht meine Flucht.
Denn dies ist mein offizielles Laster: Ich liebe guten Wein, und ich vergöttere gutes Essen.
So diszipliniert ich sonst auch sein mag, so hart ich arbeite, so wenig ich schlafe, so rational ich mit dem Thema Männer umgehe – gegen diese Leidenschaft komme ich nicht an. Helene, die spindeldürre, hält Restaurantbesuche für Geldverschwendung und richtet ihren durchdringenden Blick gern auf meine Problemzonen, wenn ich nach dem Hauptgang noch in Käse und Dessert schwelge. Aber obgleich ich mich Helenes Urteilen meistens beuge, beim Essen bleibe ich hart. Oder vielmehr schwach.
Mit einer Spur schlechten Gewissens schiebe ich mir den letzten Happen Bachforelle in den Mund, gönne mir ein Stück knusprigen Weißbrots dazu und beruhige mich damit, dass ich immerhin Sport treibe; zwar nicht gern, aber regelmäßig. Für eine der führenden Mitarbeiterinnen der Presseabteilung von ‚Pharmedizin’ ist es zwingend notwendig, gut aussehen, schon um auf heiklen Pressekonferenzen die (männlichen) Journalisten milde zu stimmen. Um Joggen und Sportstudio komme ich also nicht herum.
Ob ich hier, in Südtirol, auch joggen muss?
Oder gehört zu einem wahren Entspannungsprogramm ein gewisser Schlendrian, nichts als Wellness, von morgens bis abends? Ich meine, immerhin bin ich im Urlaub! Ich muss mich erholen, denn ich werde stark sein müssen, stark für zwei, bald, ich werde mit einem tröstenden Lächeln durchhalten müssen bis zum Schluss, so lange, bis …
Ohne Vorwarnung springen mir heiße Tränen aus den Augen.
Sie rinnen nicht sanft und anmutig meine Wangen hinab, sondern hüpfen in einem komischen Bogen aufs Tischtuch, was mich so irritiert, dass sie gleich wieder versiegen. Ich atme tief durch, nehme noch einen Schluck Wein und reiße mich am Riemen. Sich mental auf eine schwere Zukunft vorzubereiten mag schön und gut sein, sage ich mir streng, aber es gibt günstigere Zeitpunkte dafür als die kurze Spanne zwischen Vorspeise und Hauptgang, und ganz sicher geeignetere Orte als ein vollbesetztes Hotelrestaurant.
Ich blicke auf die winzigen feuchten Flecken auf dem Tischtuch, dort, wo meine Springbrunnentränen hingefallen sind. Guter Gott, wann habe ich zuletzt in der Öffentlichkeit geheult? Offensichtlich hat mich die Nachricht, die der Anlass für meine Auszeit hier war, doch sehr aus dem Gleichgewicht gebracht.
Prompt beginnt der Springbrunnen wieder zu sprudeln.
Und ich wünschte, ich könnte mich im Bett verkriechen, um mir die Decke über den Kopf zu ziehen wie ein kleines Kind.

Doch als ich nach vielen tiefen Atemzügen, einem exzellenten Hauptgang (Kaninchen in Weißweinschaum) und einem wundervollen Nachtisch (Mousse-Variationen von dreierlei Beeren) wieder in meinem Zimmer bin, zögere ich das Zubettgehen, wie so oft, hinaus. Ich dusche ausgiebig und fast unerträglich heiß, benutze das hoteleigene Alpenkräuterpeeling, feile mir die Nägel und creme alles an meinem Körper ein, was Creme verträgt.
Dann liege ich im Bett.
Sehr, sehr wach.
Die Matratze ist gut, das Kissen gemütlich, und die lange Fahrt und das reichhaltige Mahl haben mich erschöpft. Trotzdem schlafe ich nicht ein. Mit weit geöffneten Augen liege ich in der Dunkelheit und lausche, aber obwohl ich das Fenster gekippt habe, herrscht ringsum vollkommene Stille.
Fürchterlich.
Zu Hause höre ich stets die Geräusche der Stadt, Motorenbrummen, menschliche Stimmen, ab und zu ein Martinshorn. Ich brauche das: Bis in den Schlaf hinein zu hören, dass ich nicht allein bin, empfinde ich als so beruhigend wie ein Wiegenlied.
Hier hingegen …
Vielleicht sollte ich den Fernseher einschalten.
Oder ich lasse Musik auf meinem Handy laufen.
O Mann, wie krank ist das denn!, denke ich wütend und balle unter der Bettdecke die Fäuste. Ich werde es ja wohl schaffen, einmal bei Stille einzuschlafen! Und wenn nicht …
Ich muss die Stille ja nicht aushalten, wenn ich nicht will. Ich bin frei, umgeben von tausend Möglichkeiten, mich unter Menschen zu mischen. Niemand zwingt mich, zitternd in der Dunkelheit auszuharren.
Ich könnte zum Beispiel in die Hotelbar gehen.
Ich könnte mich mit anderen allein reisenden Gästen anfreunden.
Verdammt, ich könnte schlimmstenfalls sogar jemanden aufreißen!
Doch bei dem Gedanken an Sex verziehe ich unwillkürlich das Gesicht. Nein, da lese ich doch lieber … oder zähle Bergziegen … oder schnappe mir mein Handy und spiele ein paar Runden Solitaire …
Und noch während ich meine Möglichkeiten auslote, fallen mir die Augen zu.

2.

Am nächsten Morgen wecken mich die Strahlen der Junisonne. Im Halbschlaf beglückwünsche ich mich dazu, nicht abergläubisch zu sein. Denn was man in der ersten Nacht im fremden Bett träumt, so sagt man, das wird wahr.
Im Traum stand ich vor einem offenen Grab, und es war noch nicht einmal Herbst.
Verdrängen!, befiehlt meine Seele, und ich gehorche, öffne die Augen und schwinge die Beine aus dem Bett. Es ist Sommer, ich bin in den Dolomiten, ein herrlicher Urlaubstag erwartet mich. Und Punkt.
Bevor ich ins Bad tapse, werfe ich einen Blick auf mein Handy: keine Nachrichten.
Das wundert mich nicht. Helene ist vergrätzt, weil ich nicht auf sie gehört habe, meine Mutter ignoriert mich wieder einmal – Strafe muss schließlich sein -, und meine Vertretung bei ‚Pharmedizin’ kommt offensichtlich glänzend ohne mich zurecht: Jenny hat keine Fragen, muss wegen nichts mit mir Rücksprache halten, entscheidet alles selbständig. Das ist prima.
Auch ein winziges bisschen beunruhigend (bin ich so überflüssig?!), aber grundsätzlich prima.
Und da niemand mich vermisst und keiner was von mir will, beschließe ich, das Handy heute auf dem Zimmer zu lassen. Zum ersten Mal seit Jahren werde ich einfach nicht erreichbar sein. Ha!
Ich werde den gesamten Tag im SPA-Bereich verbringen.

Wenig später wird mir jedoch klar, dass meine schöne Idee leider einen Haken hat. Wenn man nämlich, wie ich, nicht daran gedacht hat, ein Buch einzupacken, kann man sich in den Pausen zwischen Saunieren, Dampfbaden und Schwimmen nicht ablenken. Die ausliegenden Promiblätter habe ich nach einer Stunde durch, und so liege ich nun unbeschäftigt im Ruheraum, in einen weißen Bademantel gehüllt und mutterseelenallein.
Und es ist genauso still wie nachts in meinem Zimmer.
Mein Blick huscht unruhig durch den „Heustadel“. Um dem Namen des dämmerigen Raumes Genüge zu tun, stehen überall Weidenkörbe mit Heu herum, dazwischen fordern schicke Wasserbetten und schwarze Designer-Liegen zum Relaxen auf. Sehr elegant und einladend, das alles.
Wenn man das einsame Herumliegen denn mag.
Ich werde zunehmend kribbelig. Zugegeben, die Stadelluft riecht angenehm, und das Wasserbett ist durchaus bequem. Aber um die Intimsphäre der Ruhenden zu schützen, gibt es keine Fenster, auch die Tür ist geschlossen, und ich fühle mich wie in einer Kiste, einem Karton, einem Sarg, sodass mein Geist aufgeschreckt zu arbeiten beginnt, sich erinnert, sich bange Zukunftsszenarien ausmalt und jegliches körperliche Wohlgefühl zum Teufel jagt … Mir bricht der Schweiß aus.
Meine Güte, ist das anstrengend hier drinnen.
Nach einer weiteren Stunde im SPA-Bereich bin ich völlig fertig. Hatte ich wirklich vor, hier den ganzen Tag zu verbringen?
Und was zum Teufel machen eigentlich die anderen Hotelgäste?
Denn obgleich beim Abendessen und Frühstück fast alle Tische besetzt waren, bin ich im gesamten SPA-Bereich noch keiner Seele begegnet. Ich bin alleine geschwommen, habe alleine geschwitzt und mich alleine im Heustadel verrückt gemacht. Wandern die etwa alle? So spießig sahen die meisten von denen doch gar nicht aus!
Missmutig packe ich mein Zeug zusammen. In Bademantel und Schlappen mache ich mich auf den Weg zurück in mein Zimmer. Kraft getankt habe ich heute Vormittag definitiv nicht, und ich fühle mich kein bisschen erfrischt. Im Gegenteil.
Totale Zeitverschwendung, diese ganze Alpen-Wellness.
Entschlossen presse ich die Lippen zusammen. Gut, ich mag unfähig sein, mich zu entspannen. Aber mir bleibt immer noch das Joggen! Ich bin fit, ich kann auch bergauf laufen, und wenn das anstrengend ist, soll es mir nur recht sein.
Denn gegen die glücklich machenden Endorphine, die mein Körper bei dieser Tortur gezwungenermaßen ausschütten wird, kommt hoffentlich nicht einmal mein Geist an.

Wenig später trabe ich im Jogging-Outfit zur Rezeption.
„Hallo“, sage ich freundlich. „Ich möchte laufen gehen, kenne mich in der Gegend aber noch nicht aus. Können Sie mir vielleicht einen Fitnesspfad empfehlen?“
Die Empfangsdame, ein Mädel im rosa Dirndl, starrt mich wortlos an. Sie wirkt ob meiner harmlosen Frage zutiefst erschüttert. Neben ihr steht ein Mann Anfang dreißig mit lila Funktionsshirt und schwarzer Strickmütze. Auch er schaut völlig entgeistert drein.
Seltsam.
„Der nächstgelegene Fitnesspfad“, wiederhole ich und lächele ermutigend. „Wo fängt der an?“
„Nirgends“, bringt das Mädel hervor, ihr Blick schwankt zwischen Unglauben und Mitleid. „Wir sind doch in den Dolomiten!“
„Na eben.“ Ich wippe auf den Fußballen und frage mich, wo ihr Problem liegt. „Hier wimmelt es nur so von Wiesen und Wäldern. Sicher gibt es doch Fitnesspfade in Hülle und Fülle, oder nicht?“
„Fitnesspfade …“ Das Mädel schüttelt heftig den Kopf. „Die meisten unserer Gäste gehen wandern, klettern oder bergsteigen. In den letzten Jahren steht auch Mountainbiken hoch im Kurs. Wir haben herrliche Biketouren im Programm, geführt vom Chef höchstpersönlich!“
„Das ist ja sehr schön.“ Ich höre selbst, wie mein Ton schärfer wird. „Wenn ich nun aber nicht wandern, klettern, bergsteigen oder mountainbiken will, sondern joggen?“
In stummer Hilflosigkeit knetet das Mädel ihre Hände.
So kommen wir nicht weiter, denke ich genervt. „Ooookay. Gibt es im Hotel dann wenigstens … ein Laufband?“
Der Mann im Funktionsshirt muss husten, doch als ich ihm ins Gesicht schaue, sieht es eher so aus, als unterdrücke er eine gewaltige Heiterkeit.
Ärgerlich funkele ich ihn an. Lacht der Kerl mich etwa aus?
„Sagen Sie, warum machen Sie eigentlich gerade hier Urlaub?“, fragt er zwischen zwei Husten-Lachern. „Wo Sie die Berge doch offensichtlich gar nicht mögen. War an der Nordsee nichts mehr frei?“
Seine Stimme ist dunkel und angenehm, trotzdem werde ich augenblicklich zornig. Nicht nur, weil seine Worte ziemlich überheblich klingen, sondern weil es den Kerl einen feuchten Dreck angeht, wo ich meinen Urlaub verbringe. Und warum. Und ob ich die Berge mag oder nicht. Ich meine, wer ist der Typ überhaupt?!
Zum Hotel gehört er, seinem schlampigen Outfit nach zu urteilen, jedenfalls nicht. Kein Angestellter eines Vier-Sterne-Hotels würde es wagen, ein lila Funktionsshirt zu tragen! Total geschmacklos, denke ich abfällig, zumal zu seinen tief dunkelblauen Augen ein cooles Schwarz viel besser passen würde. Oder ein schönes Ozeanblau. Genau, ein ozeanblaues Shirt, eng geschnitten, denn dass der Typ einen ansehnlichen Körper hat, ahnt man sogar trotz der Klamotten, mit denen er sich momentan verschandelt. Ob sein Haar wohl hell oder dunkel ist? Die komische Strickmütze bedeckt es leider vollkommen, seine Augenbrauen allerdings sind dunkel, und das lässt darauf schließen, dass …
„Ich könnte Ihnen eine Wanderkarte anbieten“, dringt die Stimme des Dirndl-Mädchens in meine Betrachtungen, und ich zucke zusammen. Der Kerl grinst mich an – kein Wunder, ich habe ihn wahrscheinlich angestarrt wie in Trance -, und reflexartig hebe ich das Kinn und setze meinen hochmütigsten Blick auf.
Der soll sich bloß nichts einbilden!
„Nein danke, ich komme auch ohne Ihre Karte zurecht“, versetze ich in dem eisig-höflichen Ton, den sonst bloß penetrante Journalisten zu hören bekommen, die einmal zu oft zweifelhafte Produkte von ‚Pharmedizin’ kritisiert haben.
Und es wirkt. Das Dirndl-Mädchen zieht den Kopf ein, und der Typ hört schlagartig auf zu grinsen.
Na also, denke ich siegessicher. Geht doch.
Aber als ich davonrausche, um mich auf eigene Faust auf die Suche nach einem Fitnesspfad zu machen, erblicke ich mich unvermutet in dem großen, prächtigen Spiegel, der den Eingangsbereich ziert.
Und mein Triumphgefühl verfliegt.
Denn ich sehe eine schöne Frau von zweiunddreißig Jahren, mit milchweißer Haut und glattem, glänzend rotblondem Haar, das sie zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden hat. Sie ist gewandet in teure, blass türkisfarbene Sportkleidung, die ihre Kurven betont und perfekt zu ihren blaugrünen Augen passt. Man sieht der Frau auf den ersten Blick an, wie viel Wert sie auf eine makellose Erscheinung legt … und wie angespannt und unzufrieden sie sich fühlt.
O Mann, denke ich erschrocken. Diese arrogante Zicke – das bin ich?
Helene wäre hochzufrieden mit mir.