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Julie Leuze, Autorin

Julie Leuze, Autorin

England am Vorabend des Ersten Weltkriegs: eine Gesellschaft im Umbruch, eine Liebe unter einem dunklen Stern

Grafschaft Devon 1913: Ruby, die 18-jährige Tochter von Lord und Lady Compton, wächst sehr behütet auf dem elterlichen Herrensitz Rosefield Hall auf. Als der attraktive Cyril Brown aus London anreist, um den Sommer auf dem nahen Tamary Court zu verbringen, fühlen die beiden sich auf Anhieb zueinander hingezogen – und Ruby verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben. Doch Rubys Eltern sind strikt gegen eine Verbindung mit dem nicht adeligen jungen Mann. Außerdem scheint Cyril ein Geheimnis vor Ruby zu verbergen. Cyril stellt Rubys Leben auf den Kopf, doch plötzlich wendet er sich von ihr ab. Und dann ziehen dunkle Wolken am Horizont auf …


Sturm über Rosefield Hall
Roman
Goldmann, Mai 2015
352 Seiten, Taschenbuch
9,99 €
ISBN 978-3-442-48214-6
Auch als E-Book erhältlich


„Spannend, mitreißend und emotional.“
– Hamburg Woman, 30.10.2015

„Wann ist für mich ein Roman gut und hat fünf Sterne verdient? Wenn ich einerseits traurig bin, weil das Buch zu Ende ist, andererseits auch, wenn die Story einen Nachhall bewirkt – beides war bei „Sturm über Rosefield Hall“ der Fall …“
– Chris82, amazon

„Die Protagonisten sind wunderbar beschrieben und man (…) bekommt einen umfassenden Einblick in alle Gesellschaftsschichten der damaligen Zeit. Ich sehe Rosefield Hall mit all seinen Mitbewohnern, dem Lord und seiner Dienerschaft direkt vor mir. Mich hat das Buch einfach nur gefesselt und von der ersten bis zur letzten Seite beeindruckt. Eine traumhafte Familiensaga.“
– zauberblume, amazon

„Sturm auf Rosefield Hall“ ist ein wunderbarer historischer Liebesroman, der gleichzeitig Familiengeheimnisse aufdeckt und auch viel geschichtlichen Hintergrund bietet, der interessant und unterhaltsam in die Handlung eingefügt wurde. Fans dieses Genres werden mit diesem Buch herrliche Lesestunden verbringen. Absolute Leseempfehlung für ein ganz tolles Buch!“
– Dreamworx, amazon


Leseprobe

Sommer 1913

Er musste sie fortbringen.
Sonst würde sie sterben.
Noch nie hatte er sie zu etwas gezwungen, doch diesmal würde er es tun. Er würde sie an einen Ort bringen, wo es friedlich und idyllisch war, und vielleicht würden sie dort verblassen, die Ängste und die schlechten Träume, all die Erinnerungen, die sie nicht aus dem Kopf bekam und die es schon fast geschafft hatten, sie zu zerstören.
Er fühlte sich ohnmächtig angesichts ihrer Qual, ratlos und wütend, obgleich ihm nicht ganz klar war, wem seine Wut eigentlich galt. Trug nicht jeder von ihnen ein Stück der Schuld an dem, was ihr geschehen war – sogar er? Vor allem er. Denn das Übel wurzelte tief.
Grimmig presste er die Lippen zusammen. Die Vergangenheit konnte er nicht ändern, aber möglicherweise die Zukunft.
Devon, dachte er.
Devon wäre schön.

Ruby

Nur wenn sie auf Pearls Rücken über die spätsommerlichen Wiesen flog, konnte Ruby Compton vergessen, wer sie war und was ihr in nicht allzu ferner Zukunft bevorstand.
Auch heute hatte Ruby sich gleich nach dem Lunch ihre Stute satteln lassen, und nun galoppierte sie an dem Waldrand entlang, der die Grenze des Comptonschen Besitzes bildete. Einen Satz nach rechts auf die Obstbaumwiese, und Ruby hätte den Grund und Boden ihrer Familie verlassen.
Doch das war ihr streng untersagt worden. Wenn seine Tochter schon darauf bestehe, mutterseelenallein auszureiten, so der Baron, dann müsse sie zumindest auf dem Anwesen der Familie bleiben, groß genug sei es ja.
Pearl fiel in einen gemächlichen Trab, als Ruby links in den Waldweg einbog, der sie zurück nach Rosefield Hall führen würde. In einer Stunde war Teezeit, und sie tat besser daran, sich nicht zu verspäten. Denn obgleich ihre Mutter sich wenig für sie interessierte, bestand sie eisern darauf, dass Ruby sich dem festgelegten Tagesablauf ohne zu murren unterwarf.
Ruby seufzte. Sie konnte der Teezeit wenig abgewinnen, musste sie sich mithilfe von Florence doch extra umkleiden, nur um dann schweigend mit der Mutter vor Kirsch-Scones und Gurkensandwiches zu sitzen. Lord Compton ließ sich erst zum abendlichen Dinner blicken, und auch Basil, Rubys ältester Bruder, hatte erklärtermaßen Besseres zu tun, als sich mit Mutter und Schwester am Teetisch zu langweilen.
Immerhin würde die verhasste Mahlzeit heute kürzer ausfallen als üblich: Edward, ihr zweiter Bruder, würde mitsamt seiner Entourage noch vor dem Dinner auf Rosefield Hall eintreffen, und das war Lady Compton doch wichtiger als ihre Gurkensandwiches. Schon seit dem frühen Morgen scheuchte Rubys Mutter den Butler und die Hausdame herum, damit diese dem übrigen Personal Beine machten. Für Edwards Ankunft sollte alles perfekt sein, schließlich war er seit einer Ewigkeit nicht mehr zu Hause gewesen.
Ruby musste lächeln.
Edward war ihr Lieblingsbruder. Er war sieben Jahre älter als sie, doch er war sich nie zu schade dafür gewesen, seiner kleinen Schwester die Zeit zu vertreiben. So lange Ruby denken konnte, hatte er sich um sie gekümmert. Zuerst hatte er ihr vorgelesen, später mit einer Engelsgeduld das Bogenschießen beigebracht. Edward tröstete Ruby, wenn ihre Gouvernante mit ihr schimpfte, weil sie sich im Park Kleid und Schuhe beschmutzt hatte. Und wenn sie zur Strafe kein Abendessen bekam, schlich Edward sich hinunter in die Küche und stahl eine extragroße Portion für sie.
Als Ruby älter wurde, besorgte Edward ihr aus der Bibliothek ihres Vaters verbotene Bücher von Autoren wie Charles Dickens oder Oscar Wilde, die Ruby dann in ihrem Geheimversteck im Park – einem weit abgelegenen, maroden Pavillon, den außer ihr nie jemand freiwillig betrat – begierig las. Edward ritt stundenlang mit Ruby aus und zeigte ihr, wie man über Hindernisse sprang, die auf den ersten Blick unüberwindlich zu sein schienen. Wenn er am Ende seiner Ferien zurück nach Eton und später nach Oxford musste, so versprach er seiner Schwester stets, ihr regelmäßig zu schreiben.
Das innige Band zwischen ihnen zerriss erst, nachdem Edward nach Afrika geschickt worden war. Das lag inzwischen über zwei Jahre zurück.
Der Wald lichtete sich. Ruby seufzte, zügelte ihre Stute und blickte nachdenklich auf Rosefield Hall hinunter: ein graues, elisabethanisches Schlösschen in einer Talsenke zwischen steil aufragenden Hügeln. Warum nur hatte man Edward von hier verbannt? Denn etwas anderes als eine Verbannung war es nicht gewesen. Lord Compton hatte von einem Tag auf den anderen beschlossen, sein jüngerer Sohn solle die Erdnussplantagen der Familie in Gambia führen, und er hatte keinen Widerspruch geduldet, weder von Edward noch von der entsetzten Ruby.
Sein Sohn, hatte der Baron verkündet, sei nun dreiundzwanzig, und es sei höchste Zeit, dass er von seiner weibischen Weichherzigkeit kuriert werde. Auf der Plantage nach dem Rechten zu sehen und zu lernen, „das Regiment über eine Horde arbeitsscheuer Schwarzer zu führen“, so der Baron, eigne sich dafür ganz vorzüglich.
Edward hatte nicht kuriert werden wollen. Doch danach hatte sein Vater nicht gefragt.
Wochenlang war Ruby untröstlich gewesen. Mit ihren sechzehn Jahren war sie bei Edwards Abreise längst kein Kind mehr, doch den geliebten Bruder so weit fort zu wissen, bescherte ihr Gefühle tiefster Verlassenheit. Monate verstrichen, und der Abstand zwischen Edwards Briefen wurde immer größer, ihr Inhalt immer oberflächlicher. Das machte es für Ruby, die Daheimgebliebene, noch schlimmer. Hatte ihr Bruder sie etwa vergessen? Oder erging es ihm schlecht in Gambia? Wollte er sie bloß nicht beunruhigen? Aus den Monaten wurde ein Jahr, aus dem einen Jahr wurden zwei. Eine lange, einsame Zeit ohne Antworten.
Doch heute war es soweit, heute würde Ruby ihren Bruder endlich wiedersehen! Aufregung, Vorfreude und ein Hauch von Furcht stiegen in ihr auf, als sie ihr Pferd wieder antrieb und rasch auf Rosefield Hall zuritt. Ob Edward noch so lustig und liebevoll war, wie sie ihn in Erinnerung hatte? Oder ob das raue Leben in den Kolonien ihn – gemäß den Wünschen des Barons – tatsächlich verändert hatte?
Ruby betete inbrünstig darum, dass der Plan ihres Vaters nicht aufgegangen war. Sie wollte ihren Bruder am liebsten ganz genau so wiederhaben, wie er sie vor über zwei Jahren verlassen hatte. Zugleich war Ruby bewusst, dass dieser Wunsch recht kindisch war. Sie war inzwischen achtzehn, und er fünfundzwanzig. War es da nicht völlig natürlich, dass sie beide sich verändert hatten, und möglicherweise nicht nur zum Guten? Sie atmete tief durch und wischte ihre Grübeleien beiseite. Schon bald würde sie wissen, ob sich die alte Vertrautheit zwischen Edward und ihr wiederherstellen ließ. Es hatte keinen Sinn, sich vorher schon Sorgen zu machen.
In gestrecktem Galopp ritt sie den Hügel hinab und zügelte Pearl erst, als sie die von Pappeln und Ebereschen gesäumte Auffahrt erreichte. In damenhaftem Schritt näherte sie sich den Stallungen, dabei steckte sie sich eine vorwitzige schwarze Strähne zurück unter den Hut. Wenn sie schon ganz alleine ausritt, so musste sie zumindest in tadellosem Aufzug nach Hause kommen. Denn dass sie am liebsten wie ein Berserker durch die Wildnis preschte, erfuhren ihre Eltern besser nicht.
Sie übergab ihre Stute dem Stallknecht und betrat das Haus. Sie fragte sich gerade, ob sie die Köchin wohl bitten durfte, einmal etwas anderes zu backen als die ewigen Kirsch-Scones, da hörte sie ihn.
Abrupt blieb sie stehen. Ihr Herz machte einen Sprung. War das wirklich, jetzt schon, vor dem Tee, Edward?
Mit einem Freudenschrei riss sie die Tür zum Salon auf, stürzte auf ihren Bruder zu und fiel ihm um den Hals.
„Edward! Du bist es!“
Sowohl das Kopfschütteln ihres Vaters als auch das indignierte „Ruby, benimm dich gefälligst!“ ihrer Mutter prallten an ihr ab. Ruby sah nur Edwards Lächeln, sein braun gebranntes Gesicht und seine blauen Augen, in denen kein Tadel stand und kein Befremden, sondern die reine Wiedersehensfreude – und sie war glücklich.
Der einzige Mensch, der sie wirklich liebte, war nach Rosefield Hall zurückgekehrt.

Nach dem Tee ging sie mit Edward im Park spazieren. Bald schon würde die Sonne hinter den steilen Hügeln verschwinden, aber noch fielen ihre milden Strahlen in den Park, vergoldeten den Rasen und stahlen sich durchs Geäst der Eichen und Libanonzedern.
„Wenn du mir deine neuesten Geheimnisse erzählen willst, musst du dich beeilen, Schwesterherz. Eine halbe Stunde, länger will Mutter mich nicht entbehren.“ Edward grinste. „Ganz neue Töne, was? Früher habe ich sie kaum interessiert.“
„Tja, der verlorene Sohn.“ Ruby blickte Edward von der Seite an. „Sie weiß nicht, ob du noch der bist, der du warst. Doch sie brennt darauf, es herauszufinden.“
„Mutter brennt niemals auf etwas“, sagte Edward trocken. „Sie ist das disziplinierteste Wesen, das ich kenne. Gottlob kommst du nur im Aussehen nach ihr, Schwesterherz.“
Ruby biss sich auf die Unterlippe. Dann musste sie doch lachen und gab Edward einen Klaps auf den Arm. „So respektlos warst du früher aber nicht!“
Er grinste auf sie herab. „Zu irgendetwas muss diese Verbannung ja gut sein, oder? Wenn auch nur dazu, die englische Förmlichkeit abzulegen. Es weitet den Blick, wenn man eine Zeitlang keine Briten zu sehen bekommt.“
„Lebst du denn in Gambia nicht in Gesellschaft anderer Engländer?“, fragte Ruby neugierig.
Edward schüttelte den Kopf. „Ich verbringe meine Zeit fast ausschließlich mit den Schwarzen, die auf der Plantage arbeiten.“
„Wie bitte?“ Ruby blieb stehen. „Du meinst … du isst auch mit ihnen? Gehst mit ihnen jagen? Lädst sie in dein Haus ein? Das kann nicht dein Ernst sein!“
Edward zog eine Augenbraue hoch. „Und warum nicht?“
Weil du ein Weißer bist und damit ihr Herr.
Der Satz lag Ruby auf der Zunge, doch etwas in Edwards Blick hinderte sie daran, ihn auszusprechen.
Für einige Sekunden sahen sie einander stumm an, dann lachte Edward und zog Ruby am Arm weiter. „Wir wollten spazieren gehen, nicht spazieren stehen, oder? Komm, ich habe nur Spaß gemacht. Selbstverständlich unterhalte ich keine freundschaftlichen Beziehungen mit meinen Schwarzen. Aber mit Weißen eben auch kaum, weil unsere Besitzungen recht isoliert liegen. Wen will man zum Lunch einladen, wenn der arme Gast dafür einen Zweitagesritt auf sich nehmen müsste?“
Ruby runzelte die Stirn. „Aber dann musst du furchtbar einsam dort sein!“
„Mach dir keine Sorgen um mich, Ruby. Es geht mir gut in Gambia.“
„Das hoffe ich von Herzen.“ Verunsichert ging sie neben ihm her. „Ich weiß so gar nichts mehr von dir, Edward. Deine Briefe waren immer vollkommen nichtssagend. Wenn überhaupt mal einer kam.“
„Nun ja, ich habe viel zu tun. Eine Erdnussplantage unterhält sich nicht von selbst, und unser Verwalter ist kurz nach meiner Ankunft gestorben. Einen neuen konnte ich auf die Schnelle nicht finden. Also habe ich seine Arbeit selbst übernommen. Da bleibt wenig Zeit für anderes, und wenn es nur das Briefeschreiben ist.“
Edward, ein geborener Compton, hatte die Arbeit des Verwalters übernommen? Das wurde ja immer seltsamer!
„Es tut mir gut, eine Aufgabe zu haben“, fuhr Edward fort. „Ich weiß, es klingt verrückt, aber es macht mir Spaß, zu arbeiten! Richtig zu arbeiten, meine ich. Nicht nur als Oberhaupt anwesend zu sein, sondern die Plantage am Laufen zu halten. Die Erträge zu verbessern. Neue Absatzmöglichkeiten für unsere Erdnüsse aufzutun.“
„Du hast recht, das klingt wirklich verrückt. Lass das bloß unsere Eltern nicht hören!“ Um zu überspielen, wie verblüfft sie war, fügte Ruby neckend hinzu: „Sie werden dich verdächtigen, eine bürgerliche Krämerseele geworden zu sein, und dann werden sie sich aus Verzweiflung über deinen Ladengeruch vor das nächste Automobil werfen!“
„Und du?“, fragte Edward, ohne auf Rubys scherzenden Tonfall einzugehen. „Stört es dich, dass ich arbeite?“
Unbehaglich blickte sie ihm in die Augen. „Mich? Nun, ich …“
Sie brach ab. Dass ein Compton sich jemals mit etwas anderem beschäftigt hatte, als die verschiedenen Besitzungen zu verwalten, zur Marine zu gehen oder vorteilhaft zu heiraten und ein Leben in aristokratischem Müßiggang zu führen, war schlichtweg noch nie vorgekommen. Handel zu treiben wie ein kleiner Kaufmann? Unmöglich!
Eigentlich.
Trotzdem hörte Ruby sich sagen: „Nein, Edward, es stört mich kein bisschen. Nicht, wenn es dich glücklich macht.“ Im selben Moment wusste sie, dass das die Wahrheit war.
„Das ist meine Ruby, an die ich in Afrika so gerne denke!“ Ihr Bruder lächelte dankbar.
Bevor Ruby ihn jedoch weiter ausfragen konnte, setzte er munter hinzu: „Aber jetzt genug von mir geredet. Wie sehen deine Zukunftspläne aus? Du hast doch deine erste Saison in London hinter dir und bist nun bei Hofe eingeführt. Ich müsste mich sehr wundern, wenn du keinen Verehrer am Haken hättest, so hübsch, wie du geworden bist!“
Rubys Miene verdüsterte sich. „Es sind zwei, um genau zu sein.“
„Das klingt nicht gerade begeistert.“
Sie seufzte. „Wärst du begeistert, wenn du die Wahl zwischen Lord Grinthorpe und Lord Hangsworth hättest? Sei ehrlich!“
„Lord Grinthorpe – ist das der dürre Kerl mit den Fischaugen? Er muss schon an die fünfzig sein.“
„Dreiundfünfzig.“
„Uh.“ Edward verzog das Gesicht. „Und der andere … Lord Hangsworth, sagtest du? Den kenne ich auch, aus meiner Zeit in Oxford. Arroganter Zeitgenosse. Nun, immerhin ist er jung, und er sieht gut aus.“
„Beides trifft auch auf unseren Bruder Basil zu“, entgegnete Ruby. „Dennoch bemitleide ich seine Verlobte Matilda von Herzen.“
„Ich auch.“
„Eben.“
Sie hatten eine steinerne Bank erreicht und ließen sich darauf nieder. Beide blickten sie auf Rosefield Hall, dessen graue Mauern im Abendlicht rosa schimmerten. Fast fühlt es sich an wie früher, dachte Ruby.
„Gott sei Dank bist du wieder da“, sagte sie leise. „Du bist der Einzige, der mich versteht, Edward. Weißt du, manchmal denke ich, wir beide gehören gar nicht wirklich hierher … zu unseren Eltern und zu Basil. Als würde irgendetwas nicht stimmen mit uns. Mit mir.“
Edward griff nach ihrer Hand und drückte sie.
„Zumindest mit dir, Ruby, stimmt alles“, sagte er warm. „Und wenn du weder Lord Grinthorpe noch Lord Hangsworth heiraten möchtest, dann lass es bleiben. Es war deine erste Saison in London. Du hast noch mehr als genug Zeit, um den Richtigen zu finden.“
Aber hatte sie die wirklich?
In Edwards Augen las sie, dass er davon überzeugt war. Schließlich war sie erst achtzehn und weder hässlich noch arm. Doch Lady Compton hatte ihr während der Saison deutlich zu verstehen gegeben, dass sie Ruby so rasch wie möglich verheiratet sehen wollte. Nicht auszudenken, wie die Mutter reagieren würde, wenn einer der beiden Lords um Rubys Hand anhielte und sie ihm einen Korb gäbe!
Ruby seufzte. Ob auf Pearls Rücken oder an Edwards Seite: Lange würde sie es nicht mehr schaffen, ihrem Schicksal zu entfliehen.

Florence

Müde und hungrig nahm Florence ihren Platz am Dienstbotentisch ein. Als oberstes Hausmädchen saß sie stets zwischen Lady Comptons Kammerzofe und Mabel, einem der jüngeren Hausmädchen. Es war halb zehn, die Herrschaften oben hatten ihr Dinner beendet, und so war hier unten endlich Essenszeit.
Nachdem sie einige Gabeln Fleisch mit Erbsen zu sich genommen hatte, fühlte Florence sich besser. Ach, es ging doch nichts über ein nahrhaftes, gut zubereitetes Mahl! Florence fühlte Dankbarkeit in sich aufsteigen. Obgleich sie von frühmorgens bis spätabends auf den Beinen war, vergaß sie nie, welch großes Glück es war, etwas zu beißen und ein Dach über dem Kopf zu haben.
Keine Selbstverständlichkeit für eine wie sie.
Florence war erst dreizehn gewesen, als ihre Eltern kurz nacheinander gestorben waren. Sie hatte weder Geschwister noch nähere Verwandte, und so hatte sie eine schreckliche Woche lang nicht gewusst wohin. Doch dann hatte Mrs Ponder, die Hausdame der Comptons, ihr angeboten, als Hausmädchen auf Rosefield Hall zu arbeiten. Das war nun elf Jahre her, und Florence war Mrs Ponder immer noch dankbar dafür. Denn wo wäre sie gelandet, wenn die Hausdame sich ihrer nicht erbarmt hätte? Florence mochte gar nicht daran denken.
Langsam entspannte sie sich von den Mühen des Tages, und während sie ihren Teller bis auf den letzten Bissen leer aß, ließ sie sich von dem fröhlichen Geplauder, das im Dienstbotenraum herrschte, einhüllen wie von einer warmen Decke. Dies hier war ihre Familie. Die ersten Jahre waren zwar hart gewesen, aber nun fühlte sie sich wohl und kam mit den anderen gut aus. Oh ja, sie hätte es wirklich schlechter treffen können.
„Ich verstehe einfach nicht, warum er laufen musste“, drang Mr Lyams missmutige Stimme in ihre Gedanken. „Er hätte doch vom Postamt aus anrufen können, um Bescheid zu geben, dass er mit einem früheren Zug ankommt! Dann hätte ich ihn abgeholt. Ich meine, wozu besitzt dieses Haus ein Telefon, wenn kein Mensch es benutzt und nie jemand hier anruft?“
Florence hob erschrocken den Kopf und blickte über den Tisch zu Mr Lyam hinüber. Jeder wusste, dass der Chauffeur sich als etwas Besseres fühlte, weil er das Autofahren beherrschte und Lord Compton seine Dienste sehr zum Verdruss des Kutschers öfter und öfter in Anspruch nahm. Doch dass Mr Lyam sich erdreistete, offen das Verhalten eines Compton zu kritisieren, war selbst für ihn mit seinem übersteigerten Selbstbewusstsein ein starkes Stück.
Mr Hurst, der als Butler unangefochten über die Dienerschaft herrschte, versetzte auch sogleich: „Es steht Ihnen wohl kaum zu, Master Compton vorzuschreiben, wie er sich verhalten soll, Lyam. Wenn er zu Fuß gehen möchte, so geht er zu Fuß. Punkt.“
„Aber es ist exzentrisch!“, murrte Mr Lyam.
„Exzentrisch zu sein, ist Master Comptons gutes Recht“, sagte Mr Hurst würdevoll. „Und nun möchte ich kein Wort mehr über die Angelegenheit hören.“
Folgsame Stille herrschte am Tisch, während eines der Küchenmädchen das Dessert auftrug. Es gab Reispudding, und da die Köchin dieses Rezept besonders gut beherrschte, sah man bald wieder zufriedene Gesichter.
Im Stillen musste Florence jedoch zugeben, dass Mr Lyam nicht ganz unrecht hatte: Als adeliger Herr den langen Marsch vom Bahnhof nach Rosefield Hall auf Schusters Rappen zu absolvieren, war exzentrisch. Master Compton hatte sein gesamtes Gepäck am Bahnhof gelassen – Mr Lyam hatte es vor dem Dinner dort abholen müssen – und hatte die Familie mit seiner frühen Ankunft völlig aus dem Konzept gebracht. Weder war Miss Compton von ihrem Reitausflug zurückgewesen noch hatte die Dienerschaft vor dem Eingang Aufstellung beziehen können, wie es sich gehört hätte. Stattdessen war Master Compton einfach in den Salon spaziert.
Florence verkniff sich ein Lächeln. Der junge Herr hatte schon immer einen Hang zu unkonventionellem Verhalten gehabt. Vielleicht hatte sie Master Compton deshalb so gern gemocht, als er noch hier gelebt hatte, obgleich sie ihm natürlich selten begegnet war. Hausmädchen hatten in den Räumen, in denen die Herrschaften sich aufhielten, nichts zu suchen; geputzt wurde grundsätzlich, wenn die Lords und Ladys außer Sicht waren. Dennoch, von Ferne war Master Compton ihr sympathisch gewesen.
Mr Lyam aß den letzten Löffel seines Puddings, dann lehnte er sich zurück.
„Dass er Neger mitgebracht hat“, sagte er und blickte Mr Hurst provozierend in die Augen, „das ist wohl auch sein gutes Recht, was?“
Florence zuckte zusammen, Mabel und Kate kicherten und Mr Hurst fehlten die Worte, was bei ihm äußerst selten vorkam.
Rasch schaltete sich Mrs Ponder ein. „Selbstverständlich ist es das, Mr Lyam“, sagte die Hausdame scharf. „Menschen wie diese … Afrikaner mögen uns fremd erscheinen, doch wenn Master Compton in Gambia keine weißen Bediensteten auftreiben konnte, so steht es ihm ohne Frage frei, auch schwarze Diener mitzubringen.“
„Neger auf Rosefield Hall!“, knurrte Mr Yorks, Lord Comptons Kammerdiener. „Gut finde ich das ja nicht! Er hätte sie im Busch lassen sollen, wo sie hingehören. An Dienern herrscht auf Rosefield Hall schließlich kein Mangel. Wir hätten ihm John zur Seite stellen können, oder Charles.“
„Wenn die Neger jetzt hierbleiben, sollen sie dann etwa auch mit uns essen?“, fragte Mr Lyam und verzog den Mund.
„Du lieber Himmel. Dann muss unsere gute Mrs Bloom von nun an wohl Heuschrecken braten!“, witzelte Mr Yorks.
Alle lachten, nur der Butler und die Hausdame blieben ernst, und auch Florence konnte an Mr Yorks Bemerkung nichts komisch finden. Als der Kammerdiener ihr vergnügt zugrinste, brachte sie nur mit Mühe ein Lächeln zustande.
Sie konnte sich nur allzu gut daran erinnern, wie sie selbst sich anfangs auf Rosefield Hall gefühlt hatte: einsam, auf der untersten Stufe der Hierarchie, von allen umhergescheucht und oft genug das Ziel derber Späße. Mit der Zeit war es besser geworden, aber in den ersten Jahren hatte Florence oft heimlich geweint. Nein, das wünschte sie niemandem, mochte er nun weiß sein oder schwarz. Deshalb würde sie sich auch nicht daran beteiligen, wenn die Dienerschaft auf den Afrikanern herumhackte, selbst wenn diese gar nicht anwesend waren.
Mr Hurst fand endlich seine Stimme wieder, und mit ihr seine gesamte machtvolle Autorität als Butler.
„Schluss jetzt!“, bellte er in die Runde. „Noch ein Wort von irgendjemandem, und alle gehen auf ihre Zimmer!“
Das saß. Die gemeinsame Zeit nach dem Abendessen, wenn Karten gespielt, auf dem Klavier musiziert oder gesungen wurde, war der Höhepunkt eines jeden Tages, und niemand war gewillt, darauf zu verzichten. Also vergaß man weiße Exzentrik und schwarze Essensvorlieben, widmete sich wieder dem alltäglichen Klatsch und genoss den kurzen, aber fröhlichen Feierabend.
Nur Florence war nachdenklicher als sonst.

Zwei Stunden später half sie Miss Compton, sich zum Schlafengehen bereit zu machen.
„Ist es nicht wunderbar, dass er wieder zu Hause ist?“, fragte ihre junge Herrin sie mit leuchtenden Augen. „Das Leben in Afrika scheint ihm gut zu tun. Edward sieht hervorragend aus, findest du nicht auch?“
Florence, die hinter Miss Compton stand und ihr mit langen, sanften Strichen das Haar bürstete, musste lächeln. Glück und Aufregung zeichneten sich auf Miss Comptons Zügen ab, und Florence registrierte wieder einmal, wie hübsch ihre junge Herrin war. Alles, was bei der Mutter und dem ältesten Bruder kühl und einschüchternd wirkte – das glänzende schwarze Haar, die tiefgrünen Augen, die helle Haut –, erschien ihr bei Miss Compton anziehend und weich.
„Sie haben recht, Madam, Ihr Bruder ist wirklich sehr ansehnlich“, pflichtete Florence ihr bei.
Das war nicht gelogen: Master Compton war zwar ebenso semmelblond wie sein Vater, aber nicht feist und rotgesichtig wie dieser, sondern groß, schlank und braun gebrannt. Es war fast unmöglich, fand Florence, nicht von seinem Äußeren eingenommen zu sein. Früher einmal hatte sie sogar geglaubt, sich ein wenig in den Herrn verliebt zu haben. Doch da ihre Gefühlsverwirrung nicht nur absolut unangemessen gewesen war, sondern auch mit Master Comptons Abreise in die Kolonien ein jähes Ende gefunden hatte, war es Florence nicht schwer gefallen, diese dumme Vernarrtheit zu vergessen. Herren wie Master Compton, das wusste sie nur allzu gut, waren nichts für eine wie sie.
Außerdem, dachte Florence und unterdrückte ein Seufzen, war da ja noch Mr Yorks. Dass Florence etwas zu rundlich war – das einzig Zarte an ihr waren ihre Hände –, ihr Gesicht nur durchschnittlich hübsch und ihr Haar von langweiliger mittelbrauner Farbe, schien den Kammerdiener nicht zu stören. Er machte ihr seit Wochen den Hof, und er wäre eine gute Partie, das wusste sie.
Plötzlich fühlte sie sich unbehaglich.
„Ich finde es sehr mutig von Edward, einen schwarzen Diener hierher mitzubringen“, erklärte Miss Compton, und Florence ließ den Gedanken an Mr Yorks bereitwillig fallen. „Und dazu noch dessen Ehefrau! Das ist wirklich ungewöhnlich. Aber Edward sagt, der Diener, Jacob heißt er glaube ich, hätte seine Frau niemals alleine in Gambia zurückgelassen. Die Familienbande seien dort sehr stark, und der männliche Beschützerinstinkt auch.“
„Es ehrt Master Compton, dass er Jacob nicht einfach gezwungen hat, die Frau zurückzulassen“, erwiderte Florence.
Sofort biss sie sich auf die Zunge und schalt sich innerlich einen Dummkopf. Ungefragt seine Meinung kundzutun, war für ein Mitglied der Dienerschaft ein schwerer Fauxpas. Schon lange war er ihr nicht mehr unterlaufen, und nun das, eine wertende Bemerkung über Miss Comptons Bruder! Wie ihre Herrin wohl reagieren würde?
Doch Miss Compton nickte nur lächelnd, und Florence atmete auf.
Trotzdem nahm sie sich vor, zukünftig noch vorsichtiger zu sein. Seit sie zu ihren normalen Pflichten, die aus Putzen, Kaminstellen reinigen und nochmals Putzen bestanden, die Aufgabe übernommen hatte, der jungen Lady beim An- und Auskleiden behilflich zu sein, hatte sich zwischen ihr und Miss Compton zwar fast so etwas wie eine Freundschaft entwickelt. Manchmal hatte Florence sogar das Gefühl, dass ihre Herrin genauso unfrei war wie sie selbst, mit dem einzigen Unterschied, dass Florences Gefängnis aus der täglichen Tretmühle harter Hausarbeit bestand, während Miss Compton eher in einem goldenen Käfig umherflatterte.
Dennoch, niemals durfte Florence vergessen, dass sie keine Freundinnen waren, selbst wenn es ihr immer wieder so vorkam. Sie mochten einander sympathisch sein und miteinander plaudern, aber ihre Herrin lebte oben und sie selbst unten, und das würde sich niemals ändern. Besser also, Florence vergaß das nicht. Keinen Augenblick lang.
Sonst würde sie nämlich schneller auf der Straße sitzen, als sie Luft holen konnte.

Als Florence sich endlich auf ihrem Bett ausstrecken durfte, war es weit nach Mitternacht. Sie zog die Decke bis unter das Kinn. Todmüde blickte sie durch das kleine Dachfenster in den nächtlichen Augusthimmel und fragte sich, ob sie in ihrem Leben wohl einmal, nur ein einziges Mal, mehr als fünf Stunden Schlaf am Stück bekommen würde.
Wahrscheinlich nicht.
Bevor ihr die Augen zufielen, fragte sie sich noch, wo eigentlich die Schwarzen untergebracht waren, warum sie nicht mit der übrigen Dienerschaft gegessen hatten und ob sie ihren ersten Abend auf Rosefield Hall wohl freiwillig so isoliert verbracht hatten.
Doch Florence war zu erschöpft, um länger darüber nachzudenken. Morgen, nahm sie sich schon halb im Traum vor, morgen würde sie die Afrikaner aufsuchen und sie herzlich auf Rosefield Hall willkommen heißen.
Keine Sekunde später war sie eingeschlafen.