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Julie Leuze, Autorin

Julie Leuze, Autorin

Wie weit muss man reisen, um der Wahrheit zu entkommen?

1858: Die 22-jährige Emma Röslin reist nach Australien, wo sie den Botaniker Oskar Crusius als Pflanzenmalerin unterstützen soll. Doch das Forscherteam um den attraktiven Expeditionsleiter Carl Scheerer begegnet ihr mit Ablehnung. Vor allem Carl selbst sträubt sich dagegen, eine Frau in den gefährlichen Busch mitzunehmen. Durch ihre Klugheit und ihren Mut macht Emma sich im Team jedoch bald unentbehrlich, und Carls Bild von ihr wandelt sich grundlegend. Auch Emma empfindet längst mehr für den Expeditionsleiter. Während langer Abende am offenen Feuer wird er ihr immer vertrauter, und die Zukunft könnte verheißungsvoll sein – wären da nicht der besitzergreifende Oskar und die dunklen Geheimnisse aus der Vergangenheit. Denn zu Hause in Süddeutschland muss vor wenigen Monaten etwas geschehen sein, das so schrecklich war, dass Emma ihr Gedächtnis verloren hat. Wie viel Schuld hat Emma auf sich geladen, von der sie nichts mehr weiß? Sie ist entschlossen, die Tür zur Vergangenheit endlich aufzustoßen, und erhält dabei unerwartete Hilfe vom Aborigine Birwain.


Der Duft von Hibiskus
Roman
Goldmann, März 2013
416 Seiten, Taschenbuch,
Klappenbroschur
9,99 €
ISBN 978-3-442-47646-6
Auch als E-Book erhältlich


„Eine weitere Auswanderersaga, möchte man seufzen, aber wenn sie alle so gut wären wie ‚Der Duft von Hibiskus‘, dann dürfte diese momentane Welle gerne niemals enden. Julie Leuze kombiniert die flirrende Hitze und entbehrungsreiche Reise durch den Busch mit einer informativen Hintergrundhandlung um Botanik und Pflanzen. Dabei gefällt besonders ihre Protagonistin, die weit davon entfernt ist, sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Behutsam zeigt die Autorin Emmas innere Kämpfe mit ihren Dämonen und ihrer Unsicherheit, ohne dass sie schwach oder hilflos wirkt. (…) Hinzu kommt die bis zum Schluss packende Geschichte um Emmas Vergangenheit, die für einige Überraschungen sorgt.“
– LoveLetter-Magazin, April 2013

„… wer entdeckt nicht gern auch neue Autoren. Da hilft in der Regel nur Anlesen und so hat es Julie Leuze mit ihrem Roman ‚Der Duft von Hibiskus‘ bereits mit wenigen Seiten geschafft, dass ich mich gerne auf ein Abenteuer mit ihr eingelassen habe.
Von Beginn an überzeugt sie mit einem flüssigen, angenehm zu lesenden, aber nicht schlichten Sprachstil. Die Verbindung von Auswandererroman und Familiengeheimnis macht neugierig auf das kommende Geschehen und Julie Leuzes Erzählstil führt dazu, dass man spätestens im zweiten Kapitel das ‚Land in Sicht‘ förmlich zu hören glaubt. (…)
‚Der Duft von Hibiskus‘ ist ein leichter, interessanter Unterhaltungsroman, der besonders mit den Sprach- und Erzählfertigkeiten der Autorin überzeugt, und der Freunden des Genres uneingeschränkt empfohlen werden kann.“
– Büchereule, Rezension vom 23.03.2013

„Schöne Geschichte, gut zu lesen. Bitte meeeehr davon.“
– amazon-Leserrezension


Leseprobe

Emma warf sich in ihrem schmalen Bett hin und her, ohne Schlaf zu finden. Die bevorstehende Ankunft beschäftigte sie, und sie spürte, wie sich Angst in ihr ausbreitete. Was erwartete sie in ihrem neuen Leben? War es wirklich richtig gewesen, alles so weit zurückzulassen?
Ihre Gedanken wanderten zurück nach Stuttgart, zu der Verzweiflung, die ihrem Erwachen aus der Bewusstlosigkeit gefolgt war. In ihrer Erinnerung hatte eine drei Tage lange Lücke geklafft wie eine blutige Wunde, und niemand hatte ihr helfen wollen, sie zu schließen. Mehr noch: Niemand hatte auch nur mit ihr gesprochen.
Emma hatte sich bis zur Erschöpfung bemüht, ihr Gedächtnis wiederzufinden, doch es war vergebens. Sie kam zu dem Schluss, dass das, was geschehen war, so schrecklich gewesen sein musste, dass etwas in ihr die Erinnerung daran unwiderruflich gelöscht hatte. Geblieben war nur das diffuse Gefühl ungeheurer Schuld, und gerade weil es so wenig greifbar war, machte es sie in ihren schlaflosen Nächten fast verrückt. Doch so sehr sie sich auch den Kopf zermarterte – der Anlass für das Schuldgefühl blieb in den Tiefen ihrer Seele verborgen. Sie wusste nur noch, dass sie sich auf den Klavierunterricht bei Ludwig vorbereitet hatte, und dann – nichts mehr.
Emmas Gedächtnisverlust war das eine; die rätselhafte Veränderung, die sie an ihrem Vater wahrgenommen hatte, das andere. Er, zu dem sie ein solch herzliches Verhältnis gehabt hatte, wechselte seit ihrem Erwachen kein Wort mehr mit ihr. Auch die Dienstmädchen hatte Herr Röslin angewiesen zu schweigen, und auf Emmas wiederholte Frage, was denn um Himmels willen geschehen sei, bekam sie nur stumme Verachtung zur Antwort. Sie wurde behandelt wie eine Gefangene: Der Vater verbot ihr auszugehen, Briefe zu schreiben, Freundinnen zu empfangen, ihren Klavierunterricht fortzusetzen. Ludwig kam nicht mehr ins Haus und machte auch sonst keinerlei Anstalten, mit Emma in Kontakt zu treten. Und da sie nicht alleine hinaus durfte – wenn überhaupt –, war es ihr unmöglich, mit ihm zu sprechen.
Anfangs war sie zu schwach, um sich darüber zu grämen, doch als ihre Kräfte zurückkehrten, empfand sie die Situation als unerträglich. Fieberhaft überlegte sie, wie sie ihrem Gefängnis entkommen konnte. Doch jeder Ausweg, den sie in Gedanken durchspielte, endete in derselben Sackgasse: Wenn sie tatsächlich fliehen wollte, würde sie heimat- und mittellos auf der Straße landen. Ohne Referenzen und ohne geordnete Familienverhältnisse würde niemand sie einstellen, weder als Kindermädchen noch als Hausmädchen, wahrscheinlich nicht einmal als Küchenhilfe. Nein, so ging es nicht.
Aber wie dann?
Sie litt sehr darunter, dass sie sich mit niemandem austauschen konnte. Allein in ihrem Zimmer, drehten Emmas Gedanken sich unaufhörlich im Kreis, doch sie kam einer Lösung ihrer Probleme keinen Schritt näher. Auch von ihrer Mutter konnte sie keine Hilfe erwarten: Frau Röslin war ohne Abschied abgereist, Gott allein wusste wohin, und Emma erfuhr weder wo sie sich aufhielt noch wann sie zurückzukommen gedachte. Sie schien Emma also noch mehr zu grollen als der Vater. Emma vermisste ihre Mutter fast ebenso stark wie sie Ludwig vermisste. Nach mir hingegen, dachte sie oft verzweifelt, sehnt sich offensichtlich niemand.
Erst als eines Abends im Frühling der ehrgeizige Forscher und Botaniker Oskar Crusius zu Gast war, dessen Besuch eine hohe Ehre für Herrn Röslin bedeutete, wendete sich das Blatt. Herr Crusius bemerkte nichts von der frostigen Stimmung, die im Hause Röslin herrschte, und fing an, charmant mit Emma zu plaudern. Er fragte Emma nach ihrer liebsten Beschäftigung, lobte sie für ihr botanisches Interesse und ließ sich ihre Pflanzenzeichnungen zeigen. Scherzhaft schlug er vor, das „hübsche und begabte Fräulein Röslin“ statt seines erkrankten Assistenten mit nach Australien zu nehmen. Er, Crusius, sollte dort im Auftrag des Hamburger Reeders und Überseekaufmanns Cesar Godeffroy unbekannte Pflanzen sammeln. Er musste sie zeichnen, konservieren und nach Deutschland verschicken. Godeffroy wolle seine naturkundliche Sammlung nämlich zu einem Museum erweitern, ferner wolle er die Dubletten der konservierten Pflanzen verkaufen.
„Ich bin“, sagte Herr Crusius, „schon einige Jahre lang für Godeffroy in der Welt unterwegs, und das höchst erfolgreich. Doch leider“, er zwinkerte Emma zu, „mangelt es mir an Zeichentalent, sodass ich stets auf die Hilfe eines kundigen Assistenten angewiesen bin. Na, Fräulein, Röslin, wie wäre es? Hegen Sie keine romantischen Sehnsüchte nach fernen Ländern?“
Emma spürte den Blick ihres Vaters und wagte es zum ersten Mal seit Wochen, ihn offen zu erwidern. Doch was sie in seinen Augen sah, erschreckte sie. Denn sie fand keine Liebe, sondern Hass.
Er würde mich nur allzu gerne am anderen Ende der Welt wissen, fuhr es ihr durch den Kopf. Und in genau diesem Augenblick traf sie ihre Entscheidung.
Spontan sagte sie: „Einverstanden. Ich komme mit Ihnen, Herr Crusius. Ich zeichne schon lange Heilkräuter für meinen Vater, und ich werde mir alle Mühe geben, Sie nicht zu enttäuschen.“
Herr Crusius hatte die Augenbrauen hochgezogen und sie erstaunt gemustert. Doch da von Herrn Röslins Seite kein Wort des Protests gekommen war und Emma ihre Zustimmung offensichtlich ernst gemeint hatte, war es eine Sache von nicht einmal einer Stunde gewesen, den Handel perfekt zu machen. Die Herren hatten sich zurückgezogen, und als es Emma erlaubt worden war, wieder zu ihnen zu stoßen, hatte sich alles geändert: Sie war nicht länger die Gefangene ihrer eigenen Eltern, sondern bezahlte Assistentin des Herrn Oskar Crusius.
Und damit vollkommen allein verantwortlich für ihr zukünftiges Leben.

Die unverhoffte Befreiung aus ihrer Gefangenschaft war ihr wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen. Nun jedoch, wo sie Herrn Crusius in einem fremden Lande wiedersehen sollte, stieg Panik in Emma hoch. Sie lag auf ihrem schmalen Bett und starrte an die dunkle Decke ihrer Kajüte. Hatte sie ihre botanischen Kenntnisse überschätzt? Würde sie Herrn Crusius’ hohen Erwartungen an ihr zeichnerisches Können genügen? Hätte er nicht doch lieber einen Wissenschaftler wählen sollen? Vielleicht würde er sie nach den ersten Wochen zornig und enttäuscht entlassen, um sich einen fähigeren Assistenten zu suchen – und wohin sollte sie dann gehen, an wen sich wenden, wovon leben?
Der Vogelschwarm in Emmas Kopf flatterte aufgeregter denn je umher, an Schlaf war nicht zu denken. In der Schwärze der Nacht wünschte sie sich nichts sehnlicher, als ihr Verbrechen, worin auch immer es bestand, ungeschehen machen und wieder in ihr altes Leben schlüpfen zu können – wie in ein Kleid, das alt, gemütlich und vertraut war.
Die Erinnerung an Stuttgart und die Eltern, denen sie vor so kurzer Zeit noch in gegenseitiger Liebe verbunden gewesen war, legte sich über Emma wie ein grauer Schleier. Der lang unterdrückte Jammer brach sich Bahn, und sie schluchzte heiser auf. Sie hatte sich nicht von ihrer Mutter verabschieden können, sie hatte keine guten Reisewünsche ihres Vaters erhalten, und sie würde ihre Eltern höchstwahrscheinlich niemals wiedersehen.
Und das Schlimmste von allem: Ihre Mutter und ihr Vater waren offensichtlich froh darüber.