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Julie Leuze, Autorin

Julie Leuze, Autorin

Auf dem Killesberg, da gibt’s koi Sünd‘? Von wegen!

Wir sind es uns wert, denken sich die Damen auf dem noblen Stuttgarter Killesberg – und leisten sich nicht nur anregende Lehrstunden in kosmischer Liebe durch den spirituellen Berater Francesco. Auch für ihre haarigen Lieblinge darf es nur das Beste sein:
Die frischgebackene Tierheilpraktikerin Luna soll mit Globuli, Farblichttherapie und Akupressur für das ganzheitliche Wohl der Vierbeiner sorgen.
Luna stürzt sich mit Feuereifer und Idealismus in die Arbeit. Bis TV-Tierarzt David auftaucht und ihr im Handumdrehen die Kundinnen ausspannt. Das ärgert Luna – und noch mehr ärgert es sie, dass sie dem charismatischen David keine drei Sekunden in die Augen schauen kann, ohne weiche Knie zu bekommen. Dabei ist es doch gar nicht David, sondern Francesco, mit dem Luna durch einen Besuch in der Diskothek Perkins Park schicksalhaft verbunden ist!

Während Luna sich zwischen nackten Schopfhunden und neurotischen Wellensittichen mit ihren Gefühlen und der Sorge um die nächste Mietzahlung herumschlägt, eilen ihr Tierkommunikatorin Simone und Psychoanalytikerin Harriet beherzt zu Hilfe. Schließlich, so finden die Freundinnen, muss auch Luna irgendwann mal auf einen grünen Zweig kommen!
Das allerdings sieht nicht nur Davids schöne Ehefrau ganz anders …


Killesberg Kiss
Roman
Silberburg-Verlag, März 2012
240 Seiten, kartoniert
12,90 €
ISBN 978-3-8425-1183-5
Auch als E-Book erhältlich


„“Killesberg Kiss“ ist ein amüsantes Lesevergnügen, locker, spritzig und lebendig geschrieben und durchdrungen von funkensprühendem Witz (z. B. Lunas Gedanken zu Schüssler-Salzen, die ihr bei den unpassendsten Gelegenheiten durch den Kopf schießen: „… und mein Herz wurde weit — so weit, dass es schon nicht mehr gesund sein konnte. Schüssler Salz ,Calcium fluoratum` besorgen, notierte ich mir im Geiste. Dieses Salz half bei Herzerweiterung so gut wie immer.“).
Auch Simones Unterhaltungen mit der heimischen Tierwelt — seien es die Überlegungen einer neurotischen Hundedame zum Liebesleben ihres Frauchens oder die Ansichten eines Hirschkäferweibchen(!) — gehören zum Originellsten und Lustigsten, das ich je gelesen habe.“
– amazon-Leserrezension

„Ich habe Killesberg Kiss in einem Rutsch gelesen, schmunzelnd, gerührt und gespannt. Witzige Szenen, in denen es um gutaussehende Meditationslehrer, kosmischen Sex oder eine gnadenlos komische Kommunikation zwischen einer bodenständigen Schwäbin und einem Hirschkäfer geht, wechseln mit romantischen und herzerwärmenden Liebeszenen — es prickelt zwischen Held und Heldin und man verfolgt das Auf und Ab ihrer Liebesgeschichte mit angehaltenem Atem.
Sehr schön finde ich, dass wir, obwohl wir mit der Heldin und ihren Berufs- und Liebeswirren mitfiebern dürfen, auch einen kleineren Teil der Geschichte aus der männlichen Perspektive präsentiert bekommen, was den Roman noch abwechslungsreicher macht.“
– amazon-Leserrezension

„(…) Killesberg Kiss ist ein Roman der Sorte ‚einmal angefangen, nicht mehr weg gelegt‘. Tierisch romantischer Lese-Spaß zwischen Nackt-Schopfhund und Mann fürs Leben.“
– nic4u.wordpress, 25.4.2012


Leseprobe

Natürlich hilft Wiener Klassik! Sogar Kühe geben mehr Milch, wenn sie Mozart hören. Weiß dieser Viehdoktor das denn nicht? ›Miss Mozart‹ – pah!
Missmutig ließ ich mein Buch sinken. Es war zehn Uhr abends, Moritz schlief selig in seinem Bettchen, doch die wohlverdiente Entspannung wollte sich einfach nicht bei mir einstellen. Ich saß im Sessel, las gerade zum vierten Mal den ersten Absatz von Seite 31, und immer wieder kamen mir meine trüben Gedanken in die Quere. Ein ums andere Mal tauchte David vor meinem inneren Auge auf und flüsterte mir leise zu: »Deine Kunden werden meine sein! Bald, bald …«
Es hatte keinen Sinn. Über Seite 31 würde ich heute Abend nicht mehr hinauskommen. Ich stand auf und ging zum Schreibtisch, der mitsamt PC und Drucker in einer Ecke des Wohn-Schlaf-Arbeitszimmers stand. Brechend volle Bücherregale säumten meinen kurzen Weg. Die wenigen freien Stellen an den Wänden wurden von Fotos von Moritz gesäumt sowie von mehr oder weniger abstrakten Bildern, die er im Kindergarten gemalt hatte. Es war ein gemütlicher Raum – aber es war auch verdammt eng.
Ein Zimmer nur für mich hatte ich nicht, dafür nannte Moritz ein Kinderzimmer sein eigen, und die meiste Zeit verbrachten wir sowieso außer Haus: Ich bei der Arbeit, er im Ganztages-Kindergarten. Und nach Feierabend trafen wir unsere Freunde im Hof.
Nein, verschwenderischen Luxus konnte man uns wirklich nicht vorwerfen. Und manchmal haderte ich schon damit, dass in unsere kleine Wohnung beim besten Willen keine Haustiere passten. Ein Hund, ein Kätzchen, ein Kaninchenpaar … das hätte mir gefallen.
Und trotzdem: Ich war mit meinem Leben zufrieden. Seit ich als Tierheilpraktikerin arbeitete, fiel mein Einkommen zwar geringer aus als zu Bibliothekszeiten, aber es reichte. Gut, große Sprünge waren nicht drin, in den Urlaub fuhren wir selten bis nie, und manchmal wünschte ich mir, Moritz’ Vater würde sich ein bisschen am Unterhalt seines Kindes beteiligen. Aber das war unmöglich, schließlich kannte ich ihn ja gar nicht. Und er selbst hatte keine Ahnung, dass er einen kleinen Sohn hatte …
Wenn ich an diesem Punkt meiner Überlegungen angekommen war, tröstete ich mich an guten Tagen damit, dass Moritz ein solch wundervolles Kind war, dass mein Fehltritt vor knapp fünf Jahren ganz einfach Schicksal gewesen sein musste.
An weniger guten Tagen war mir der One-Night-Stand, aus dem er entstanden war, immer noch entsetzlich, grässlich, megamäßig peinlich. Und ich haderte mit der Frage, was ich Moritz später einmal sagen sollte, wenn er mich nach seinem Vater fragen würde.
»Tja, im Moment hast du allerdings ganz andere Sorgen, meine Gute«, sagte ich grimmig zu mir selbst und schaltete den Computer ein. »Und die größte von ihnen heißt David Herren.«
Während der Computer hochfuhr, sann ich trübe über meine berufliche Selbständigkeit nach. Eigentlich hatte sie sich gut angelassen, waren Tierärzte im Stuttgarter Norden doch rar gesät. Es gab zwar welche, doch sie machten keine Hausbesuche – im Gegensatz zu mir. Ich war zwar »nur« Tierheilpraktikerin, aber dafür waren meine Methoden etwas Besonderes. Bei der erlebnishungrigen Killesberg-Society jedenfalls kamen sie gut an.
Aber das hatte sich nun geändert, meine Monopolstellung war dahin. Irgendetwas musste diesen neuen Tierarzt auszeichnen, dass Frau Becker mir so unverfroren die Treue aufgekündigt hatte. War es die Tatsache, dass auch er die Tiere zu Hause behandelte? Bei meinem unrühmlichen Abgang heute Vormittag hatte ich die Aufschrift »Mobile Tierarztpraxis« auf Davids Kombi gesehen. Oder hatte sich vielleicht herumgesprochen, wie unglaublich gut der neue Tierarzt aussah? Hm, dann hatte ich allerdings ein Problem. Denn fast alle meine Kunden waren Kundinnen, und sie waren nur so reich, weil ihre Männer 80 Stunden in der Woche arbeiteten. Außer Haus …
Ich presste die Lippen aufeinander. Entschlossen ging ich ins Internet, rief die Google-Seite auf und tippte »David Herren« ein. Mal sehen, was der Typ vorher gemacht hatte. Aus dem Nichts konnte er ja schließlich nicht kommen. Vielleicht war er bloß ein mittelmäßiger Landtierarzt, der aufgrund seiner Misserfolge nach Stuttgart hatte fliehen müssen. Viel heiße Luft und nichts dahinter. Ja, wahrscheinlich war es so. Ganz sicher war es so! Ha, das wäre doch gelacht, wenn ich es mit dem nicht aufnehmen könnte!
»… Bestseller von David Herren, dem bekannten … «, sprang mir vom Bildschirm entgegen. Nein, Autor war er nicht, da ging es wohl um einen anderen David Herren. Weiter. »… David Herren, Praxis in Berlin …«. Berlin? Nö, von so weit her war er bestimmt nicht gekommen. Außerdem hatte er keinen Berliner Dialekt. Weiter. »… David Herren, ›Rat vom Promi-Tierarzt‹, 19.90 € …« Hm. Weiter. »… Seminar von David Herren ist leider ausgebucht …« – Hm. Hm. Hm. »… exklusive Homestory: So wohnt Tierarzt David Herren, der attraktive …« – »… wieder einmal bewiesen, dass David Herren unsere tierischen Gefährten zu heilen versteht wie kein anderer …« – »… sagte David Herren auf dem Presseball, dem gesellschaftlichen Top-Event der Hauptstadt …« –»… endlich auch im Fernsehen zu bewundern! Der charismatische David Herren im rbb, Ihrem Sender für die Region Berlin-Brandenburg …«
Erschlagen starrte ich auf den Monitor. Das war David Herren? All das? Oder war er vielleicht nur einer von den ganzen David Herrens? Ja, so muss es sein, sprach ich mir rasch Mut zu. Er ist nur Buchautor! Oder nur Promi-Tierarzt. Seminarleiter. Lokaler Fernsehstar.
Hektisch klickte ich mich weiter durch die Informationen, las mich durch Zeitungsartikel und schwärmerische Beiträge in Tierhalter-Foren. Bis ich die Homepage von Davids Fanclub fand.
Der Mann hatte einen Fanclub?!
Ich öffnete die Seite. Seine Husky-Augen leuchteten mir entgegen, und es gab nicht den geringsten Zweifel: Er war es. Alles.
Er war der David Herren. Der berühmte Tierarzt mit der florierenden Praxis in Berlin. Mit dem Kundenstamm, der alles umfasste, was in der Hauptstadt Rang und Namen hatte. Mit der Liste von Buchveröffentlichungen, die alle zu Bestsellern geworden waren. Mit der beeindruckenden Präsenz in sämtlichen Berliner Medien. Und mit diesen erstaunlichen Heilungserfolgen, die ihn von allen anderen Tierärzten abhoben.
Und der sollte nun mein Konkurrent werden.
Panisch klickte ich weitere Seiten an. Überall derselbe Tenor: David Herren war der Star der Berliner Tierhalter-Szene. Seine Bemühungen waren stets von Erfolg gekrönt, seine Ratschläge Gold wert, seine Medienauftritte ein Erlebnis. Und als er beschlossen hatte, »aus persönlichen Gründen« von Berlin nach Stuttgart zu ziehen, trauerten ihm seine Fans – tierische wie menschliche – untröstlich nach. Das jedenfalls wusste eine große Berliner Zeitung zu berichten, und nach allem, was ich bisher über David gelesen hatte, schien es auch die einzig logische Reaktion zu sein.
Wie im Traum schaltete ich den Computer aus. Ich blieb unbeweglich davor sitzen und starrte auf den schwarzen Bildschirm.
Die letzten Monate zogen wie ein Film an mir vorbei: Tiere, die ich heilen konnte, mal mit Globuli, mal mit Edelsteinen, mal mit farbiger Bestrahlung. Andere Tiere, bei denen ich unsicher war und die schließlich immer kränker wurden, so dass ich sie an einen Tierarzt überweisen musste. Tja, so war das Leben – Erfolg und Misserfolg, Selbstvertrauen (selten) und Selbstzweifel (oft) wechselten sich miteinander ab. Ich kannte meine Grenzen, und ich hatte immer geglaubt, auch Fehlschläge seien normal.
Bis gerade.
Denn im Lichte der überwältigenden Leistungen dieses Tierarztes erschien mir meine gesamte Arbeit als null und nichtig. Was war ich, Luna Jacobs, verglichen mit einem Dr. David Herren?
Ich bin eine alleinerziehende Mutter, die depressive Nackthunde aufmuntert und dann ihr Honorar vergisst, fuhr es mir durch den Kopf. Eine Spinnerin, die auf den Wert eines zweifelhaften Lehrgangs pocht. Die stolz ist auf ein Zertifikat, das aussieht, als habe es die Ausbildungsleiterin selbst gemalt. Ich bin ein blindes Huhn, das manchmal ein Korn findet, und manchmal eben nicht. Das war’s. Kein Hochschul-Studium, keine Buchveröffentlichung, keine Promi-Kunden, keine Fernsehberichte. Und eine Zeitung hat auch noch nie über mich geschrieben.
Ich schloss die Augen und ließ den Kopf vornüber auf die Tastatur fallen. Einige Minuten lang gab ich mich stumm der Hoffnungslosigkeit hin, dann stand ich langsam auf und schlurfte in Richtung Badezimmer.
Aus dem Spiegel starrte mich eine Frau mit ziemlich verzweifeltem Gesichtsausdruck an. Kein Wunder: Ich hatte eine seltsame Frisur, trug ein altes Schlabber-Shirt, und David, der Star unter den Tierärzten, verachtete mich. Er würde mir alle Kunden abspenstig machen, und es würde ihn nicht mehr als ein Lächeln kosten, meine Existenz zu zerstören. Ich wäre gezwungen, wieder als Bibliothekarin zu arbeiten, und mein Lebenstraum wäre geplatzt. Klar, ich hätte wieder einen normalen Beruf. Aber was hatte Simone gestern gesagt?
»Es gibt nur eine Berufung.«
In meinem Hals bildete sich ein dicker Kloß, und ich wusste, ich würde ihn nicht hinunterschlucken können.
Zeit, ins Bett zu gehen.