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Julie Leuze, Autorin

Julie Leuze, Autorin

Ein Gespenst geht um im Schwabenland

– und nicht nur eines! Zum kopflosen Reiter gesellt sich eine blaublütige Schönheit mit mörderischem Geheimnis. Die traumhafte Braut wird im nächtlichen Wald zum Alptraum. Und ein begrabener Hahn kräht den Tod herbei, während ein schattenhaftes Liebespaar für erotische Verwicklungen im Weinberg sorgt … Mal gruselig und düster, mal witzig und mal nachdenklich, haben die Erzählungen in diesem Buch eines gemeinsam: Sie ranken sich um traditionelle schwäbische Sagen und verleihen ihnen eine zeitgemäße Form. Spannend erzählt, lustvoll ausgesponnen und auch mal gegen den Strich gebürstet, verwandeln sich die volkstümlichen Überlieferungen in zwölf packende Kurzgeschichten.

Aber Vorsicht! Wer zu dieser magischen Reise durch das württembergische Kernland aufbricht, der wird danach so manchen Ort mit anderen Augen sehen. Denn er wird wissen: Ob in Stuttgart oder Schorndorf, in Esslingen oder Böblingen – vor der sagenhaften Geisterwelt ist man nirgends sicher!


Schwäbische Geisterstunde
Kurzgeschichten
Silberburg-Verlag, Sep. 2009
144 Seiten, gebunden
14,90 €
ISBN 978-3-87407-847-4


„Ein Buch, das Grusel- und Liebesgeschichtenlesern gleichermaßen etwas bietet. Sehr empfehlenswert zum Schmökern in kalten Herbstnächten! Und wer wissen möchte, welche Sagen den Kurzgeschichten als Vorlage dienten, findet im Anhang eine Aufstellung mit Literaturhinweisen.“
– amazon-Leserrezension

„Früher hat man sich im Winter am Kaminfeuer manche Geschichte oder Legende erzählt. Wer glaubt, dass diese Art von Geschichten heute langweilig ist, der irrt sich! Julie Leuze hat alte Sagen und Legenden in teils moderne, teils historische Kurzgeschichten verpackt. Und gerade das Gefühl, dass in den Geschichten ein Körnchen Wahrheit stecken könnte, sorgt für richtig gruseligen Lesegenuss!“
– Loretta, amazon


Leseprobe Michaelisnacht

Ich sah sofort, dass der Alte im Sterben lag. Und dass er die Hölle, die ihn möglicherweise erwartete, schon jetzt in seiner Seele trug.
„Warum hast du mich gerufen?“, fragte ich unwirsch. „Du musst selbst wissen, dass ich nichts mehr für dich tun kann.“ Ich wies mit der Hand auf seinen ausgemergelten Körper. Vielleicht war ich barscher als nötig; doch das irre Leuchten in seinen Augen machte mir Angst, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als die enge Kammer zu verlassen. Der Gestank von Krankheit und Schuld nahm mir den Atem.
Der Alte versuchte mühsam, den Kopf von der mit Stroh gefüllten Matratze zu heben und zu sprechen. Ein Hustenkrampf schüttelte seinen mageren Körper, und ich wich unwillkürlich zurück. Jesus Christus, schalt ich mich im Stillen, warum bringt mich dieser Greis denn so aus der Fassung? Ist die Behandlung von Kranken neben der Geburtshilfe nicht das, womit ich mein tägliches Brot verdiene? Und ich habe schon mehr als einmal einen Sterbenden gesehen!
Ich riss mich zusammen und kramte in meinem Beutel nach einigen Kräutern. „Einen Tee kann ich dir bereiten“, grummelte ich, „der beruhigt dich und wird die Krämpfe mildern.“ Dann wandte ich mich ihm zu und zwang mich, direkt in seine blutunterlaufenen Augen zu blicken. „Aber dir ist klar, dass du sterben wirst, nicht wahr? Wenn nicht heute, dann morgen. Länger wird es nicht mehr gehen.“
Entsetzen flackerte in seinem Blick auf. „Morgen?“, krächzte er. „Heute will ich sterben, vor Mitternacht … weißt du denn nicht, Kräuterweib, was morgen für ein Tag ist?“
Ich runzelte die Stirn. „Michaeli“, sagte ich kurz.
„Michaeli“, flüsterte er. „Und in der Michaelisnacht kommt er.“ Ein Schaudern ging über seinen Körper, und ich schämte mich für die Erleichterung, die ich empfand, als ich dachte: Jetzt schläft er für immer ein.
Doch der Alte war noch nicht bereit.
„Ich gebe dir so viel Geld, dass du ein Jahr lang nicht arbeiten musst.“ Er starrte mich beschwörend an. „Wenn du dafür heute Nacht bei mir bleibst.“
Ekel wallte in mir auf. Empört zischte ich: „Hast du angesichts der Vorstellung, so bald schon vor deinen Schöpfer zu treten, nichts anderes im Kopf als … als das? Widerlicher Greis!“
Er lachte. Es war ein Lachen, bei dem sich die feinen Haare auf meinen Unterarmen aufrichteten. Ich zog mir mein Tuch fester um die Schultern und kämpfte die Panik nieder, die in mir hochstieg.
„Das …“, wiederholte er langsam. „Du überschätzt deine Reize, Kräuterweib.“ Seine roten Augen musterten mich, und er sah fast amüsiert aus. „Ich brauche dich für etwas ganz anderes. Du kannst doch schreiben, oder?“
„Ähm … ja. Ein wenig.“ Woher wusste er das? Ich war tatsächlich des Schreibens mächtig, weil ich die Rezepte für meine vielen Salben, Tränke und Tinkturen immer wieder durcheinander brachte. So war ich darauf angewiesen, die richtigen Zutaten und Mischungen aufschreiben und lesen zu können. Gottlob hatte mich ein dankbarer Patient vornehmen Geblüts nach seiner Genesung – bei ihm hatten Zutaten und Mischung wohl gestimmt – in die Kunst der Buchstaben eingeführt. Aber was hatte das mit dieser Situation zu tun? Mit diesem unheimlichen Sterbenden, dieser muffigen Kammer, dieser Nacht?
„Schreib mein Vermächtnis auf“, flüsterte der Alte. „Und wenn es gottgefällig genug ist, so soll mir im Jenseits erspart bleiben, was mir seit einem halben Jahrhundert das Leben vergällt und mich in den Wahnsinn treibt.“
Mein Mund war plötzlich so trocken, als hätte ich Staub gegessen. Gleichzeitig spürte ich ein Kribbeln an der Kopfhaut und war völlig unfähig, den Blick von dem Alten auf seinem Strohsack zu wenden.
Er lächelte zahnlos. „Habe ich dich“, krächzte er zufrieden