Ausblick

Kinderbuch zum Vor- und Selberlesen

Nach den Erwachsenen und den Jugendlichen sind nächstes Jahr die Kinder an der Reihe: Im Herbst 2018 wird mein erstes Buch für Mädchen und Jungs im Vor- und Grundschulalter herauskommen. Eine tolle Illustratorin ist auch schon gefunden, worüber ich mich sehr freue!
Erscheinen wird das Buch bei Carlsen.


2017

Cover "Ein Garten voller Sommerkräuter"

Ein Garten voller Sommerkräuter
Roman
Goldmann, Juli 2017
352 Seiten, Taschenbuch
10 €
ISBN 978-3-442-48475-1
Auch als E-Book erhältlich
 

  • "Cottage mit Garten sucht unternehmungslustige Frau für gemeinsamen Neuanfang."

    Miriam steht mit Anfang vierzig vor den Trümmern ihres Lebens: Ihr Mann hat eine andere, ihre erwachsene Tochter braucht sie nicht mehr, und ihr Haus wurde bei der Scheidung verkauft. Wie soll es jetzt weitergehen? Da Miriam nichts mehr zu verlieren hat, fasst sie endlich den Mut, einen alten Traum zu verwirklichen. Sie lässt alles hinter sich, um im südenglischen Devon einen Neuanfang zu wagen. Im hübschen Reedcombe mit seinen weißen reetgedeckten Häusern spürt Miriam sofort: Hier will sie bleiben! Ihr Weg in ein neues Leben ist voller Hindernisse – aber auch voller Chancen auf ein neues Glück ...

    Stimmen zum Buch:

    "Julie Leuze schafft es, mit Sprache zu malen."
    Melanie Priesnitz

    "'Ein Garten voller Sommerkräuter' ist ein Wohlfühlbuch, bei dem man von Beginn bis Ende verzaubert wird, sich in den Kräutergarten legen und eine Tasse Tee mit den Einwohnern von Reedcombe trinken möchte. Es ist viel mehr als eine Liebesgeschichte, es ist auch eine Geschichte über das Sich-selbst-Finden und über vergessene Träume."
    bine174

    "Bezaubernder Sommerroman mit viel Magie, englischem Flair und einer sympathischen Heldin, die eine tolle Entwicklung hinlegt!"
    Hermione27

    "Für Menschen, die sich inspirieren lassen wollen, neue Wege zu gehen. Lesen und träumen!"
    Legeia

2016

Cover "Herzmuschelsommer"

Herzmuschelsommer
Jugendroman 
Ravensburger Buchverlag, Mai 2016
352 Seiten, Hardcover
€ 14.99
ISBN 978-3473401017
Auch als E-Book erhältlich

  • Als Kim erfährt, dass sie nach der Geburt im Krankenhaus vertauscht worden ist, fährt sie kurz entschlossen zu ihren leiblichen Eltern in die Bretagne, um dort den Sommer zu verbringen. Diese Begegnung allein wäre schon aufwühlend genug, doch dann trifft Kim auch noch Padrig. Der nachdenkliche Junge, der viel Zeit auf einer Klippe am Meer verbringt, berührt ihr Herz sofort. Aber er hat ein dunkles Geheimnis ...
     
    Stimmen zum Buch:
     
    "Vor der traumhaften Kulisse der Bretagne versucht Kim, sich selbst und ihre Wurzeln zu finden - eine wundervolle Geschichte voller Liebe, Drama und Mystik."
    www.wonderworld-of-books-from-hannah.blogspot.de
     
    "Ein Buch, das ich geradezu verschlungen habe. Schöner, behutsamer und berührender Schreibstil, interessante Geschichte und tolle Charaktere."
    Lienne, www.lovelybooks.de 
     
    "Eine Sommerlektüre mit viel Gefühl. Brachte mich zum Lächeln und zum Weinen. Einfach perfekt!"
    book_lover_6, www.lovelybooks.de
     
    "Ein richtig tolles Jugendbuch mit einem ernsten Thema. Mein Gefühls-Highlight im Jugendbuchbereich dieses Jahr!"
    Wildpony, www.lovelybooks.de
     
    "Das Buch aus der Hand zu legen fällt extrem schwer. Die Geschichte ist nicht nur unterhaltsam, sondern hat auch sehr viel Tiefgang. Sie hat mich nachdenklich gestimmt und berührt, aber auch zum Schmunzeln gebracht. Meine absolute Leseempfehlung!"
    Maggie, www.katzemitbuch-forum.de
     
    "Geschickt verbindet die Autorin alle Handlungsstränge miteinander und verwebt gekonnt noch Details zu Land und Leuten und den Eigenheiten der Bretonen in die Geschichte, so dass man mit den Protagonisten einen unvergesslichen Sommer in der Bretagne erlebt. Auch für Erwachsene eine überaus spannende und bereichernde Lektüre."
    CG, www.amazon.de
     
    "Eine wunderschöne Geschichte voller Emotionen."
    MarTina3, www.wasliestdu.de

     

     
     
  • 1
    Die Bretagne, hatte mir Mia vor meiner Abreise aus der Stadt erklärt, sei ein grünes, mythisches Land am Meer, sonnendurchwirkt, windumtost und bevölkert von Druiden, Feen und süßen Jungs mit schwarzem Haar und blauen Augen.
    Ich stehe vor dem winzigen Flughafen in Lannion, schlinge mir fröstelnd die Arme um den Oberkörper und denke, dass die bretonische Wirklichkeit nicht viel mit Mias romantischen Vorstellungen zu tun hat. Langsam drehe ich mich einmal um die eigene Achse: tief hängende graue Wolken, eine geschlossene Bar, ein paar Raben, ein verwaister Parkplatz. Weit und breit keine langbärtigen Druiden oder schwarzhaarigen Jungs – oder überhaupt irgendwelche Menschen. Und leider auch keine Frau um die vierzig, die der Fremden auf dem Foto ähnelt, das in meiner Jackentasche steckt; der Fremden, die meine dunkelblonden Locken und leicht schrägen, braunen Augen hat, und die damit glatt als meine Mutter durchgehen könnte.
    Kunststück, denke ich und seufze. Sie ist meine Mutter.
    Im April habe ich es erfahren, und der Gedanke fühlt sich noch genauso seltsam an wie damals.
    Tja, seltsam oder nicht, heute ist es soweit: Ich werde sie kennenlernen, damit wir nachholen können, was wir sechzehn Jahre lang versäumt haben, sie, ich und der Mann, der auf dem Foto den Arm um sie gelegt hat. Denn im Gegensatz zu den Menschen, die ich bis April für meine Eltern gehalten habe, ist das Paar auf dem Foto nicht geschieden. Wir drei werden also eine richtige kleine Familie sein, sechs volle Sommerferienwochen lang. Mindestens.
    Ein verrückter Gedanke.
    Vor Nervosität wird mir übel. Ich setze mich auf meinen Koffer und lenke mich von meinem flauen Magen ab, indem ich Skizzenbuch und Bleistift aus dem Rucksack krame. Nichts bringt mich so zuverlässig zur Ruhe wie das Zeichnen von Menschen oder Tieren, und so konzentriere ich mich auf das einzig Lebendige, das es hier gibt: die Raben. Den Viechern scheint es allerdings nicht zu passen, dass ich sie so genau beobachte, denn nach kaum dreißig Sekunden erheben sie sich krächzend in die Luft und machen sich mit langen Flügelschlägen davon. Enttäuscht blicke ich ihnen nach, dann verstaue ich das Skizzenbuch wieder im Rucksack.
    Meine Nervosität schwillt an.
    Irgendetwas muss ich tun.
    Ich wippe mit dem Fuß, greife nach meinem Handy und checke WhatsApp und meine SMS. Drei neue Nachrichten: eine von Mia, zwei von Sabine – und keine von Titus.
    Keine von Titus?
    Ich beiße mir auf die Unterlippe. Warum hat mein Freund sich noch nicht gemeldet? Immerhin bin ich nun über tausend Kilometer Luftlinie von ihm entfernt, da könnte er ruhig ... Ach, Blödsinn !, unterbreche ich mich in Gedanken barsch. Dass Titus sich sehnsüchtig nach mir verzehrt, ist angesichts der vielen Male, die ich ihn in der letzten Zeit zurückgewiesen habe, definitiv zu viel verlangt.
    Doch meiner besten Freundin Mia fehle ich schrecklich, wie sie mir in ihrer Nachricht wortreich versichert, und das entlockt mir ein Lächeln. Ich schreibe ihr kurz zurück, dass ich nicht abgestürzt bin und gerade am Arsch der Welt auf meine Mutter warte, dann lese ich mit klopfendem Herzen die beiden Nachrichten von Sabine.
    In der ersten schreibt sie, dass sie mich heute Abend anrufen wird, und in der zweiten, dass sie mich lieb hat.
    Ja, klar.
    Ich schlucke hart, stecke das Handy zum Skizzenbuch in den Rucksack und wünsche mir inbrünstig, dass sie endlich auftaucht, die blondgelockte Fremde, die mein neues, heiles Familienleben einläuten wird. Wie soll ich sie eigentlich nennen?, schießt es mir durch den Kopf. Frau Bleicher? Marianne? Mutter?! Über so vieles habe ich mir auf der langen Reise hierher Gedanken gemacht, aber darüber nicht.
    In diesem Moment biegt ein Renault mit quietschenden  Reifen auf den Parkplatz ein. Eine Frau steigt aus und hastet auf mich zu.
    Sie ist da.
    Langsam erhebe ich mich von meinem Koffer.
    Und schon steht sie vor mir, atemlos und strahlend. Sie ist fünfundzwanzig Jahre älter als ich, doch im dämmerigen Abendlicht sieht sie mir so ähnlich, dass es fast unheimlich ist.
    »Salut, tut mir leid, dass ich zu spät bin. Ich bin Marianne«, sagt sie und fügt überflüssigerweise hinzu: »Deine Mama.«
    Ich zucke zusammen. »Mutter« hätte genügt.
    »Hallo, Marianne.« Obwohl das gar nicht meine Absicht war, klingt meine Stimme eine Spur abweisend.
    Marianne umarmt mich trotzdem. Ich reiße mich zusammen, erwidere die Umarmung und lege meine Wange vorsichtig an ihr Haar. Ich meine, ich bin schließlich freiwillig hier! Niemand hat mich gezwungen, die Stadt und Sabine zu verlassen und in die Bretagne zu fliegen. Es war ganz allein meine Entscheidung, die gesamten Sommerferien hier zu verbringen, meine Entscheidung, bei fremden Menschen zu wohnen, in einem Kaff an der Côte de Goëlo, dessen Namen – Kerentiezh – ich noch nicht einmal aussprechen kann.
    Und verdammt, auch wenn ich meinen Jähzorn seit dem Streit am Sonntag schon ungefähr hundertfünfzigmal bereut habe: Jetzt bin ich hier.
    Und ich werde das Beste daraus machen.


    Von Lannion bis zu dem Dörfchen, wo Marianne und Alex leben, dauert es eine Dreiviertelstunde. Eigentlich ein Katzensprung, doch da ich seit zehn Stunden unterwegs bin, kommt mir die Fahrt in Mariannes altem Auto wie eine Weltreise vor.
    Ich lehne meinen Kopf gegen die Scheibe, lasse die dunkle Landschaft an mir vowrbeiziehen und döse gerade weg, als Marianne sagt: »Es ist der Motor, weißt du? Jedes Mal, wenn ich etwas wirklich Wichtiges vorhabe, lässt er mich im Stich und springt nicht an.«
    Fragend blicke ich zu ihr hinüber.
    »Der Grund, warum ich zu spät gekommen bin«, erklärt sie und wirft mir ein entschuldigendes Lächeln zu. »Es liegt nur an dem blöden Auto. Sonst wäre ich natürlich rechtzeitig da gewesen, wo ich dich doch nun endlich wiederhabe, nach all den Jahren ...«
    Wiederhat? Nach allem, was ich inzwischen weiß, habe ich Marianne nie gehört, jedenfalls nicht länger als einen Tag lang. Und was ist schon ein Tag im Leben eines Menschen?
    »Kein Problem.« Ich lächele gezwungen zurück. »Mama, ähm, Sabine kommt auch ständig zu spät. Ich bin’s also gewohnt.«
    Marianne blickt konzentriert auf die Straße. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Mit einem Ruck schaltet sie die Scheibenwischer ein. »Dann kannst du dich gleich umgewöhnen, Kim, ich bin nämlich ein sehr zuverlässiger Mensch. Und ich werde dich nie wieder warten lassen. Versprochen.«
    Ich runzele die Stirn. Sooo schlimm waren die fünf Minuten Warterei vor dem Flughafen nun auch wieder nicht. Mir liegt Sabines Lieblingsspruch auf den Lippen: »Nun mach aus einer Mücke mal keinen Elefanten!« Aber dafür kenne ich die Frau, die meine Mutter ist, noch nicht gut genug.
    Außerdem habe ich das Gefühl, dass es hier gar nicht um die fünf Minuten geht.
    Also schweige ich und schaue wieder aus dem Fenster. Ich bin hundemüde. Marianne scheint das zu spüren, denn sie sagt sanft: »Schlaf ruhig ein bisschen, Kim.«
    Und obwohl ich murmele, dass sich das so kurz vor dem Ziel doch gar nicht mehr lohnt, dass ich viel zu aufgedreht bin, dass ich auf Kommando sowieso nicht einschlafen kann, fallen mir prompt die Augen zu.
    Vom Motorengeräusch untermalte Bilder durchziehen meinen Geist, wirr und rätselhaft: sprechende Raben mit klugen schwarzen Augen. Goldgelockte Feen, die Babys in ihren Armen wiegen. Ein schöner Jüngling, der seine ferne, traurige Liebste kein bisschen vermisst.
    Eigentlich gar nicht so weit weg von der Realität.

     

2016

Für einen Sommer und immer

Für einen Sommer und immer
Roman 
Egmont INK, April 2016
320 Seiten, Taschenbuch
€ 14.99
ISBN 978-3863960810
Auch als Taschenbuch und E-Book erhältlich

  • Als Annikas Mutter ihr erzählt, dass sie schwer krank ist und bald sterben wird, will Annika nur noch eins: weg, und zwar schnell. Sie nimmt ihren lange überfälligen Urlaub und flüchtet sich in ein abgeschiedenes Dorf in den Südtiroler Dolomiten. Doch im Entspannen war die dreißigjährige Karrierefrau noch nie sonderlich gut, und schon nach einem Tag fällt ihr in ihrem schicken Hotel die Decke auf den Kopf. Um der erdrückenden Leere in ihrem Inneren zu entkommen, beschließt sie, sich beim Gipfelstürmen auszupowern, und nimmt sich kurzentschlossen einen Bergführer. Samuel ist vollkommen anders als alle Männer, die Annika je kennengelernt hat. Seine Liebe zu den Bergen ist mitreißend, ansteckend, und bald bemerkt Annika, dass sie mit jedem Meter, den sie sich der Bergspitze nähert, auch ihrem eigenen Herzen näher kommt ...

    Stimmen zum Buch:

    "'Für einen Sommer und immer' enthält alle Zutaten, die ein kurzweiliger Liebesroman benötigt (...). Doch Leuze schreckt auch vor dem Thema Krebs und Tod nicht zurück - sie setzt diese 'Zutat' freilich wohldosiert und umsichtig ein."
    Rhein-Main-Zeitung

    "Schön, traurig und witzig. Macht Mut sich zu verändern!"
    Rosi L., Buchhändler-Rezension

    "Voller Emotionen und auch tiefen Gedanken über die Freundschaft, die Liebe, das Leben und die Beziehung zu seinen Eltern. Eine perfekte Mischung zum Träumen und Nachdenken."
    Gelinde, amazon-Leserrezension

    "Wunderschön und ergreifend  - ein Herzensbuch."
    www.leselurch.de

     

     
     

     

     

  • 1.

    Eines weiß ich mit Bestimmtheit: Es kann ätzend sein, das Leben.
    Ich stehe in meinem Zimmer im Vier-Sterne-Hotel und blicke durchs Fenster auf dunkelgrüne, dicht bewaldete Hänge, schroffe Felsen und schneebedeckte Gipfel. Wäre der Grund für meinen Urlaub nicht so traurig, fände ich es hier wohl schön. Mein Verstand weiß, dass der Ausblick herrlich ist, dass ich berauscht sein müsste und beglückt. Oder zumindest auf distanzierte Weise beeindruckt.
    Doch meine Seele hinkt dem Verstand hinterher, sie ist damit beschäftigt, zu verdrängen, und Nebensächlichkeiten wie landschaftliche Schönheit sind ihr vollkommen egal.
    Was ein bisschen ärgerlich ist, wenn man bedenkt, wie viel die drei Wochen in diesem Luxusladen mich kosten.
    Ich seufze tief.
    Aber hey, das wird schon!, weise ich mich sofort zurecht und straffe die Schultern. Das wird schon. Bald bin ich tiefenentspannt, muss nichts mehr verdrängen und kann mich allem stellen. Dafür bin ich schließlich hier, für ganze drei Wochen: damit ich in aller Ruhe Kraft tanken kann. Denn Kraft werde ich brauchen für das, was vor mir liegt, zumal ich fest entschlossen bin, nicht zu versagen.
    Diesmal nicht.
    Ich wende mich vom Fenster ab, und während ich anfange, meinen Koffer und die große Ledertasche auszupacken, fallen mir Helenes missbilligende Worte ein.
    Weglaufen ist keine Lösung. Was ist mit deinem Job, hast du keine Angst, dass sie gegen dich intrigieren, während du weg bist? Mäuschen, so geht das nicht!
    Ich schlucke hart. Tiefenentspannung hin, Kraft tanken her – meine Freundin hat recht.
    Natürlich hat sie das.
    Denn Helene hat meistens recht: Sie analysiert jede Situation mit ihrem scharfen, wissenschaftlich geschulten Verstand, bevor sie einem ihre Vorwürfe um die Ohren haut, und sich zu verteidigen ist in den seltensten Fällen sinnvoll. Auch diesmal habe ich darauf verzichtet. Was hätte ich schon sagen können? Ich verstehe mich ja selbst nicht. Da kann ich kaum erwarten, dass meine Freundin es tut.

    Eine Stunde später sitze ich im Hotelrestaurant vor einem Glas Südtiroler Weißburgunder. Das Restaurant ist in alpenländischem Stil eingerichtet, mit hellem Holz und dunkelroten Stoffen, alles wirkt zugleich gemütlich und elegant, und als ich das Glas hebe, fühle ich mich beinahe gut.
    Ich schnuppere an meinem Weißburgunder. Apfelduft steigt mir in die Nase. Andächtig nehme ich den ersten Schluck.
    Perfekt.
    Und unwillkürlich denke ich an Henry. Bei Weinen wie diesem, säurebetont und fruchtig, hat Henry immer das Gesicht verzogen, während ich am liebsten darin gebadet hätte. Ich muss grinsen. Das war so typisch für uns beide: Wir mochten uns, hatten aber absolut nichts gemeinsam, weder beim Wein noch bei irgendwas sonst. Kein Wunder, dass unsere Beziehung nur sechs Wochen lang gehalten hat.
    Was immerhin zwei Wochen länger war als die Beziehung zu Henrys Nachfolger Richard. Der schöne Richard, der mich gelehrt hat, dass der Sex mit einem körperlich vollkommenen Mann schlussendlich genauso anstrengend ist wie mit allen anderen.
    Ich wische die unangenehmen Erinnerungen beiseite und widme mich lieber der Vorspeise. Und die ist ebenso köstlich wie der Wein: Bachforellenfilet, lauwarm und butterweich, begleitet von einem raffinierten Rote-Beete-Tartar. Als der Geschmack auf meiner Zunge explodiert, seufze ich selig, und in diesem Moment zählt nichts anderes als der Genuss; nicht Richard, nicht Henry, nicht meine Flucht.
    Denn dies ist mein offizielles Laster: Ich liebe guten Wein, und ich vergöttere gutes Essen.
    So diszipliniert ich sonst auch sein mag, so hart ich arbeite, so wenig ich schlafe, so rational ich mit dem Thema Männer umgehe – gegen diese Leidenschaft komme ich nicht an. Helene, die spindeldürre, hält Restaurantbesuche für Geldverschwendung und richtet ihren durchdringenden Blick gern auf meine Problemzonen, wenn ich nach dem Hauptgang noch in Käse und Dessert schwelge. Aber obgleich ich mich Helenes Urteilen meistens beuge, beim Essen bleibe ich hart. Oder vielmehr schwach.
    Mit einer Spur schlechten Gewissens schiebe ich mir den letzten Happen Bachforelle in den Mund, gönne mir ein Stück knusprigen Weißbrots dazu und beruhige mich damit, dass ich immerhin Sport treibe; zwar nicht gern, aber regelmäßig. Für eine der führenden Mitarbeiterinnen der Presseabteilung von ‚Pharmedizin’ ist es zwingend notwendig, gut aussehen, schon um auf heiklen Pressekonferenzen die (männlichen) Journalisten milde zu stimmen. Um Joggen und Sportstudio komme ich also nicht herum.
    Ob ich hier, in Südtirol, auch joggen muss?
    Oder gehört zu einem wahren Entspannungsprogramm ein gewisser Schlendrian, nichts als Wellness, von morgens bis abends? Ich meine, immerhin bin ich im Urlaub! Ich muss mich erholen, denn ich werde stark sein müssen, stark für zwei, bald, ich werde mit einem tröstenden Lächeln durchhalten müssen bis zum Schluss, so lange, bis …
    Ohne Vorwarnung springen mir heiße Tränen aus den Augen.
    Sie rinnen nicht sanft und anmutig meine Wangen hinab, sondern hüpfen in einem komischen Bogen aufs Tischtuch, was mich so irritiert, dass sie gleich wieder versiegen. Ich atme tief durch, nehme noch einen Schluck Wein und reiße mich am Riemen. Sich mental auf eine schwere Zukunft vorzubereiten mag schön und gut sein, sage ich mir streng, aber es gibt günstigere Zeitpunkte dafür als die kurze Spanne zwischen Vorspeise und Hauptgang, und ganz sicher geeignetere Orte als ein vollbesetztes Hotelrestaurant.
    Ich blicke auf die winzigen feuchten Flecken auf dem Tischtuch, dort, wo meine Springbrunnentränen hingefallen sind. Guter Gott, wann habe ich zuletzt in der Öffentlichkeit geheult? Offensichtlich hat mich die Nachricht, die der Anlass für meine Auszeit hier war, doch sehr aus dem Gleichgewicht gebracht.
    Prompt beginnt der Springbrunnen wieder zu sprudeln.
    Und ich wünschte, ich könnte mich im Bett verkriechen, um mir die Decke über den Kopf zu ziehen wie ein kleines Kind.

    Doch als ich nach vielen tiefen Atemzügen, einem exzellenten Hauptgang (Kaninchen in Weißweinschaum) und einem wundervollen Nachtisch (Mousse-Variationen von dreierlei Beeren) wieder in meinem Zimmer bin, zögere ich das Zubettgehen, wie so oft, hinaus. Ich dusche ausgiebig und fast unerträglich heiß, benutze das hoteleigene Alpenkräuterpeeling, feile mir die Nägel und creme alles an meinem Körper ein, was Creme verträgt.
    Dann liege ich im Bett.
    Sehr, sehr wach.
    Die Matratze ist gut, das Kissen gemütlich, und die lange Fahrt und das reichhaltige Mahl haben mich erschöpft. Trotzdem schlafe ich nicht ein. Mit weit geöffneten Augen liege ich in der Dunkelheit und lausche, aber obwohl ich das Fenster gekippt habe, herrscht ringsum vollkommene Stille.
    Fürchterlich.
    Zu Hause höre ich stets die Geräusche der Stadt, Motorenbrummen, menschliche Stimmen, ab und zu ein Martinshorn. Ich brauche das: Bis in den Schlaf hinein zu hören, dass ich nicht allein bin, empfinde ich als so beruhigend wie ein Wiegenlied.
    Hier hingegen …
    Vielleicht sollte ich den Fernseher einschalten.
    Oder ich lasse Musik auf meinem Handy laufen.
    O Mann, wie krank ist das denn!, denke ich wütend und balle unter der Bettdecke die Fäuste. Ich werde es ja wohl schaffen, einmal bei Stille einzuschlafen! Und wenn nicht …
    Ich muss die Stille ja nicht aushalten, wenn ich nicht will. Ich bin frei, umgeben von tausend Möglichkeiten, mich unter Menschen zu mischen. Niemand zwingt mich, zitternd in der Dunkelheit auszuharren.
    Ich könnte zum Beispiel in die Hotelbar gehen.
    Ich könnte mich mit anderen allein reisenden Gästen anfreunden.
    Verdammt, ich könnte schlimmstenfalls sogar jemanden aufreißen!
    Doch bei dem Gedanken an Sex verziehe ich unwillkürlich das Gesicht. Nein, da lese ich doch lieber … oder zähle Bergziegen … oder schnappe mir mein Handy und spiele ein paar Runden Solitaire …
    Und noch während ich meine Möglichkeiten auslote, fallen mir die Augen zu.

    2.

    Am nächsten Morgen wecken mich die Strahlen der Junisonne. Im Halbschlaf beglückwünsche ich mich dazu, nicht abergläubisch zu sein. Denn was man in der ersten Nacht im fremden Bett träumt, so sagt man, das wird wahr.
    Im Traum stand ich vor einem offenen Grab, und es war noch nicht einmal Herbst.
    Verdrängen!, befiehlt meine Seele, und ich gehorche, öffne die Augen und schwinge die Beine aus dem Bett. Es ist Sommer, ich bin in den Dolomiten, ein herrlicher Urlaubstag erwartet mich. Und Punkt.
    Bevor ich ins Bad tapse, werfe ich einen Blick auf mein Handy: keine Nachrichten.
    Das wundert mich nicht. Helene ist vergrätzt, weil ich nicht auf sie gehört habe, meine Mutter ignoriert mich wieder einmal – Strafe muss schließlich sein -, und meine Vertretung bei ‚Pharmedizin’ kommt offensichtlich glänzend ohne mich zurecht: Jenny hat keine Fragen, muss wegen nichts mit mir Rücksprache halten, entscheidet alles selbständig. Das ist prima.
    Auch ein winziges bisschen beunruhigend (bin ich so überflüssig?!), aber grundsätzlich prima.
    Und da niemand mich vermisst und keiner was von mir will, beschließe ich, das Handy heute auf dem Zimmer zu lassen. Zum ersten Mal seit Jahren werde ich einfach nicht erreichbar sein. Ha!
    Ich werde den gesamten Tag im SPA-Bereich verbringen.

    Wenig später wird mir jedoch klar, dass meine schöne Idee leider einen Haken hat. Wenn man nämlich, wie ich, nicht daran gedacht hat, ein Buch einzupacken, kann man sich in den Pausen zwischen Saunieren, Dampfbaden und Schwimmen nicht ablenken. Die ausliegenden Promiblätter habe ich nach einer Stunde durch, und so liege ich nun unbeschäftigt im Ruheraum, in einen weißen Bademantel gehüllt und mutterseelenallein.
    Und es ist genauso still wie nachts in meinem Zimmer.
    Mein Blick huscht unruhig durch den „Heustadel“. Um dem Namen des dämmerigen Raumes Genüge zu tun, stehen überall Weidenkörbe mit Heu herum, dazwischen fordern schicke Wasserbetten und schwarze Designer-Liegen zum Relaxen auf. Sehr elegant und einladend, das alles.
    Wenn man das einsame Herumliegen denn mag.
    Ich werde zunehmend kribbelig. Zugegeben, die Stadelluft riecht angenehm, und das Wasserbett ist durchaus bequem. Aber um die Intimsphäre der Ruhenden zu schützen, gibt es keine Fenster, auch die Tür ist geschlossen, und ich fühle mich wie in einer Kiste, einem Karton, einem Sarg, sodass mein Geist aufgeschreckt zu arbeiten beginnt, sich erinnert, sich bange Zukunftsszenarien ausmalt und jegliches körperliche Wohlgefühl zum Teufel jagt … Mir bricht der Schweiß aus.
    Meine Güte, ist das anstrengend hier drinnen.
    Nach einer weiteren Stunde im SPA-Bereich bin ich völlig fertig. Hatte ich wirklich vor, hier den ganzen Tag zu verbringen?
    Und was zum Teufel machen eigentlich die anderen Hotelgäste?
    Denn obgleich beim Abendessen und Frühstück fast alle Tische besetzt waren, bin ich im gesamten SPA-Bereich noch keiner Seele begegnet. Ich bin alleine geschwommen, habe alleine geschwitzt und mich alleine im Heustadel verrückt gemacht. Wandern die etwa alle? So spießig sahen die meisten von denen doch gar nicht aus!
    Missmutig packe ich mein Zeug zusammen. In Bademantel und Schlappen mache ich mich auf den Weg zurück in mein Zimmer. Kraft getankt habe ich heute Vormittag definitiv nicht, und ich fühle mich kein bisschen erfrischt. Im Gegenteil.
    Totale Zeitverschwendung, diese ganze Alpen-Wellness.
    Entschlossen presse ich die Lippen zusammen. Gut, ich mag unfähig sein, mich zu entspannen. Aber mir bleibt immer noch das Joggen! Ich bin fit, ich kann auch bergauf laufen, und wenn das anstrengend ist, soll es mir nur recht sein.
    Denn gegen die glücklich machenden Endorphine, die mein Körper bei dieser Tortur gezwungenermaßen ausschütten wird, kommt hoffentlich nicht einmal mein Geist an.

    Wenig später trabe ich im Jogging-Outfit zur Rezeption.
    „Hallo“, sage ich freundlich. „Ich möchte laufen gehen, kenne mich in der Gegend aber noch nicht aus. Können Sie mir vielleicht einen Fitnesspfad empfehlen?“
    Die Empfangsdame, ein Mädel im rosa Dirndl, starrt mich wortlos an. Sie wirkt ob meiner harmlosen Frage zutiefst erschüttert. Neben ihr steht ein Mann Anfang dreißig mit lila Funktionsshirt und schwarzer Strickmütze. Auch er schaut völlig entgeistert drein.
    Seltsam.
    „Der nächstgelegene Fitnesspfad“, wiederhole ich und lächele ermutigend. „Wo fängt der an?“
    „Nirgends“, bringt das Mädel hervor, ihr Blick schwankt zwischen Unglauben und Mitleid. „Wir sind doch in den Dolomiten!“
    „Na eben.“ Ich wippe auf den Fußballen und frage mich, wo ihr Problem liegt. „Hier wimmelt es nur so von Wiesen und Wäldern. Sicher gibt es doch Fitnesspfade in Hülle und Fülle, oder nicht?“
    „Fitnesspfade …“ Das Mädel schüttelt heftig den Kopf. „Die meisten unserer Gäste gehen wandern, klettern oder bergsteigen. In den letzten Jahren steht auch Mountainbiken hoch im Kurs. Wir haben herrliche Biketouren im Programm, geführt vom Chef höchstpersönlich!“
    „Das ist ja sehr schön.“ Ich höre selbst, wie mein Ton schärfer wird. „Wenn ich nun aber nicht wandern, klettern, bergsteigen oder mountainbiken will, sondern joggen?“
    In stummer Hilflosigkeit knetet das Mädel ihre Hände.
    So kommen wir nicht weiter, denke ich genervt. „Ooookay. Gibt es im Hotel dann wenigstens … ein Laufband?“
    Der Mann im Funktionsshirt muss husten, doch als ich ihm ins Gesicht schaue, sieht es eher so aus, als unterdrücke er eine gewaltige Heiterkeit.
    Ärgerlich funkele ich ihn an. Lacht der Kerl mich etwa aus?
    „Sagen Sie, warum machen Sie eigentlich gerade hier Urlaub?“, fragt er zwischen zwei Husten-Lachern. „Wo Sie die Berge doch offensichtlich gar nicht mögen. War an der Nordsee nichts mehr frei?“
    Seine Stimme ist dunkel und angenehm, trotzdem werde ich augenblicklich zornig. Nicht nur, weil seine Worte ziemlich überheblich klingen, sondern weil es den Kerl einen feuchten Dreck angeht, wo ich meinen Urlaub verbringe. Und warum. Und ob ich die Berge mag oder nicht. Ich meine, wer ist der Typ überhaupt?!
    Zum Hotel gehört er, seinem schlampigen Outfit nach zu urteilen, jedenfalls nicht. Kein Angestellter eines Vier-Sterne-Hotels würde es wagen, ein lila Funktionsshirt zu tragen! Total geschmacklos, denke ich abfällig, zumal zu seinen tief dunkelblauen Augen ein cooles Schwarz viel besser passen würde. Oder ein schönes Ozeanblau. Genau, ein ozeanblaues Shirt, eng geschnitten, denn dass der Typ einen ansehnlichen Körper hat, ahnt man sogar trotz der Klamotten, mit denen er sich momentan verschandelt. Ob sein Haar wohl hell oder dunkel ist? Die komische Strickmütze bedeckt es leider vollkommen, seine Augenbrauen allerdings sind dunkel, und das lässt darauf schließen, dass …
    „Ich könnte Ihnen eine Wanderkarte anbieten“, dringt die Stimme des Dirndl-Mädchens in meine Betrachtungen, und ich zucke zusammen. Der Kerl grinst mich an – kein Wunder, ich habe ihn wahrscheinlich angestarrt wie in Trance -, und reflexartig hebe ich das Kinn und setze meinen hochmütigsten Blick auf.
    Der soll sich bloß nichts einbilden!
    „Nein danke, ich komme auch ohne Ihre Karte zurecht“, versetze ich in dem eisig-höflichen Ton, den sonst bloß penetrante Journalisten zu hören bekommen, die einmal zu oft zweifelhafte Produkte von ‚Pharmedizin’ kritisiert haben.
    Und es wirkt. Das Dirndl-Mädchen zieht den Kopf ein, und der Typ hört schlagartig auf zu grinsen.
    Na also, denke ich siegessicher. Geht doch.
    Aber als ich davonrausche, um mich auf eigene Faust auf die Suche nach einem Fitnesspfad zu machen, erblicke ich mich unvermutet in dem großen, prächtigen Spiegel, der den Eingangsbereich ziert.
    Und mein Triumphgefühl verfliegt.
    Denn ich sehe eine schöne Frau von zweiunddreißig Jahren, mit milchweißer Haut und glattem, glänzend rotblondem Haar, das sie zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden hat. Sie ist gewandet in teure, blass türkisfarbene Sportkleidung, die ihre Kurven betont und perfekt zu ihren blaugrünen Augen passt. Man sieht der Frau auf den ersten Blick an, wie viel Wert sie auf eine makellose Erscheinung legt … und wie angespannt und unzufrieden sie sich fühlt.
    O Mann, denke ich erschrocken. Diese arrogante Zicke – das bin ich?
    Helene wäre hochzufrieden mit mir.

2015

Sturm über Rosefiel Hall

Sturm über Rosefield Hall
Roman 
Goldmann, Mai 2015
352 Seiten, Taschenbuch
€ 9.99
ISBN 978-3-442-48214-6
Auch als E-Book erhältlich

 

  • England am Vorabend des Ersten Weltkriegs: eine Gesellschaft im Umbruch, eine Liebe unter einem dunklen Stern

    Grafschaft Devon 1913: Ruby, die 18-jährige Tochter von Lord und Lady Compton, wächst sehr behütet auf dem elterlichen Herrensitz Rosefield Hall auf. Als der attraktive Cyril Brown aus London anreist, um den Sommer auf dem nahen Tamary Court zu verbringen, fühlen die beiden sich auf Anhieb zueinander hingezogen  - und Ruby verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben. Doch Rubys Eltern sind strikt gegen eine Verbindung mit dem nicht adeligen jungen Mann. Außerdem scheint Cyril ein Geheimnis vor Ruby zu verbergen. Cyril stellt Rubys Leben auf den Kopf, doch plötzlich wendet er sich von ihr ab. Und dann ziehen dunkle Wolken am Horizont auf...

  • Sommer 1913

    Er musste sie fortbringen.
    Sonst würde sie sterben.
    Noch nie hatte er sie zu etwas gezwungen, doch diesmal würde er es tun. Er würde sie an einen Ort bringen, wo es friedlich und idyllisch war, und vielleicht würden sie dort verblassen, die Ängste und die schlechten Träume, all die Erinnerungen, die sie nicht aus dem Kopf bekam und die es schon fast geschafft hatten, sie zu zerstören.
    Er fühlte sich ohnmächtig angesichts ihrer Qual, ratlos und wütend, obgleich ihm nicht ganz klar war, wem seine Wut eigentlich galt. Trug nicht jeder von ihnen ein Stück der Schuld an dem, was ihr geschehen war – sogar er? Vor allem er. Denn das Übel wurzelte tief.
    Grimmig presste er die Lippen zusammen. Die Vergangenheit konnte er nicht ändern, aber möglicherweise die Zukunft.
    Devon, dachte er.
    Devon wäre schön.

    Ruby

    Nur wenn sie auf Pearls Rücken über die spätsommerlichen Wiesen flog, konnte Ruby Compton vergessen, wer sie war und was ihr in nicht allzu ferner Zukunft bevorstand.
    Auch heute hatte Ruby sich gleich nach dem Lunch ihre Stute satteln lassen, und nun galoppierte sie an dem Waldrand entlang, der die Grenze des Comptonschen Besitzes bildete. Einen Satz nach rechts auf die Obstbaumwiese, und Ruby hätte den Grund und Boden ihrer Familie verlassen.
    Doch das war ihr streng untersagt worden. Wenn seine Tochter schon darauf bestehe, mutterseelenallein auszureiten, so der Baron, dann müsse sie zumindest auf dem Anwesen der Familie bleiben, groß genug sei es ja.
    Pearl fiel in einen gemächlichen Trab, als Ruby links in den Waldweg einbog, der sie zurück nach Rosefield Hall führen würde. In einer Stunde war Teezeit, und sie tat besser daran, sich nicht zu verspäten. Denn obgleich ihre Mutter sich wenig für sie interessierte, bestand sie eisern darauf, dass Ruby sich dem festgelegten Tagesablauf ohne zu murren unterwarf.
    Ruby seufzte. Sie konnte der Teezeit wenig abgewinnen, musste sie sich mithilfe von Florence doch extra umkleiden, nur um dann schweigend mit der Mutter vor Kirsch-Scones und Gurkensandwiches zu sitzen. Lord Compton ließ sich erst zum abendlichen Dinner blicken, und auch Basil, Rubys ältester Bruder, hatte erklärtermaßen Besseres zu tun, als sich mit Mutter und Schwester am Teetisch zu langweilen.
    Immerhin würde die verhasste Mahlzeit heute kürzer ausfallen als üblich: Edward, ihr zweiter Bruder, würde mitsamt seiner Entourage noch vor dem Dinner auf Rosefield Hall eintreffen, und das war Lady Compton doch wichtiger als ihre Gurkensandwiches. Schon seit dem frühen Morgen scheuchte Rubys Mutter den Butler und die Hausdame herum, damit diese dem übrigen Personal Beine machten. Für Edwards Ankunft sollte alles perfekt sein, schließlich war er seit einer Ewigkeit nicht mehr zu Hause gewesen.
    Ruby musste lächeln.
    Edward war ihr Lieblingsbruder. Er war sieben Jahre älter als sie, doch er war sich nie zu schade dafür gewesen, seiner kleinen Schwester die Zeit zu vertreiben. So lange Ruby denken konnte, hatte er sich um sie gekümmert. Zuerst hatte er ihr vorgelesen, später mit einer Engelsgeduld das Bogenschießen beigebracht. Edward tröstete Ruby, wenn ihre Gouvernante mit ihr schimpfte, weil sie sich im Park Kleid und Schuhe beschmutzt hatte. Und wenn sie zur Strafe kein Abendessen bekam, schlich Edward sich hinunter in die Küche und stahl eine extragroße Portion für sie.
    Als Ruby älter wurde, besorgte Edward ihr aus der Bibliothek ihres Vaters verbotene Bücher von Autoren wie Charles Dickens oder Oscar Wilde, die Ruby dann in ihrem Geheimversteck im Park – einem weit abgelegenen, maroden Pavillon, den außer ihr nie jemand freiwillig betrat – begierig las. Edward ritt stundenlang mit Ruby aus und zeigte ihr, wie man über Hindernisse sprang, die auf den ersten Blick unüberwindlich zu sein schienen. Wenn er am Ende seiner Ferien zurück nach Eton und später nach Oxford musste, so versprach er seiner Schwester stets, ihr regelmäßig zu schreiben.
    Das innige Band zwischen ihnen zerriss erst, nachdem Edward nach Afrika geschickt worden war. Das lag inzwischen über zwei Jahre zurück.
    Der Wald lichtete sich. Ruby seufzte, zügelte ihre Stute und blickte nachdenklich auf Rosefield Hall hinunter: ein graues, elisabethanisches Schlösschen in einer Talsenke zwischen steil aufragenden Hügeln. Warum nur hatte man Edward von hier verbannt? Denn etwas anderes als eine Verbannung war es nicht gewesen. Lord Compton hatte von einem Tag auf den anderen beschlossen, sein jüngerer Sohn solle die Erdnussplantagen der Familie in Gambia führen, und er hatte keinen Widerspruch geduldet, weder von Edward noch von der entsetzten Ruby.
    Sein Sohn, hatte der Baron verkündet, sei nun dreiundzwanzig, und es sei höchste Zeit, dass er von seiner weibischen Weichherzigkeit kuriert werde. Auf der Plantage nach dem Rechten zu sehen und zu lernen, „das Regiment über eine Horde arbeitsscheuer Schwarzer zu führen“, so der Baron, eigne sich dafür ganz vorzüglich.
    Edward hatte nicht kuriert werden wollen. Doch danach hatte sein Vater nicht gefragt.
    Wochenlang war Ruby untröstlich gewesen. Mit ihren sechzehn Jahren war sie bei Edwards Abreise längst kein Kind mehr, doch den geliebten Bruder so weit fort zu wissen, bescherte ihr Gefühle tiefster Verlassenheit. Monate verstrichen, und der Abstand zwischen Edwards Briefen wurde immer größer, ihr Inhalt immer oberflächlicher. Das machte es für Ruby, die Daheimgebliebene, noch schlimmer. Hatte ihr Bruder sie etwa vergessen? Oder erging es ihm schlecht in Gambia? Wollte er sie bloß nicht beunruhigen? Aus den Monaten wurde ein Jahr, aus dem einen Jahr wurden zwei. Eine lange, einsame Zeit ohne Antworten.
    Doch heute war es soweit, heute würde Ruby ihren Bruder endlich wiedersehen! Aufregung, Vorfreude und ein Hauch von Furcht stiegen in ihr auf, als sie ihr Pferd wieder antrieb und rasch auf Rosefield Hall zuritt. Ob Edward noch so lustig und liebevoll war, wie sie ihn in Erinnerung hatte? Oder ob das raue Leben in den Kolonien ihn – gemäß den Wünschen des Barons – tatsächlich verändert hatte?
    Ruby betete inbrünstig darum, dass der Plan ihres Vaters nicht aufgegangen war. Sie wollte ihren Bruder am liebsten ganz genau so wiederhaben, wie er sie vor über zwei Jahren verlassen hatte. Zugleich war Ruby bewusst, dass dieser Wunsch recht kindisch war. Sie war inzwischen achtzehn, und er fünfundzwanzig. War es da nicht völlig natürlich, dass sie beide sich verändert hatten, und möglicherweise nicht nur zum Guten? Sie atmete tief durch und wischte ihre Grübeleien beiseite. Schon bald würde sie wissen, ob sich die alte Vertrautheit zwischen Edward und ihr wiederherstellen ließ. Es hatte keinen Sinn, sich vorher schon Sorgen zu machen.
    In gestrecktem Galopp ritt sie den Hügel hinab und zügelte Pearl erst, als sie die von Pappeln und Ebereschen gesäumte Auffahrt erreichte. In damenhaftem Schritt näherte sie sich den Stallungen, dabei steckte sie sich eine vorwitzige schwarze Strähne zurück unter den Hut. Wenn sie schon ganz alleine ausritt, so musste sie zumindest in tadellosem Aufzug nach Hause kommen. Denn dass sie am liebsten wie ein Berserker durch die Wildnis preschte, erfuhren ihre Eltern besser nicht.
    Sie übergab ihre Stute dem Stallknecht und betrat das Haus. Sie fragte sich gerade, ob sie die Köchin wohl bitten durfte, einmal etwas anderes zu backen als die ewigen Kirsch-Scones, da hörte sie ihn.
    Abrupt blieb sie stehen. Ihr Herz machte einen Sprung. War das wirklich, jetzt schon, vor dem Tee, Edward?
    Mit einem Freudenschrei riss sie die Tür zum Salon auf, stürzte auf ihren Bruder zu und fiel ihm um den Hals.
    „Edward! Du bist es!“
    Sowohl das Kopfschütteln ihres Vaters als auch das indignierte „Ruby, benimm dich gefälligst!“ ihrer Mutter prallten an ihr ab. Ruby sah nur Edwards Lächeln, sein braun gebranntes Gesicht und seine blauen Augen, in denen kein Tadel stand und kein Befremden, sondern die reine Wiedersehensfreude – und sie war glücklich.
    Der einzige Mensch, der sie wirklich liebte, war nach Rosefield Hall zurückgekehrt.

    Nach dem Tee ging sie mit Edward im Park spazieren. Bald schon würde die Sonne hinter den steilen Hügeln verschwinden, aber noch fielen ihre milden Strahlen in den Park, vergoldeten den Rasen und stahlen sich durchs Geäst der Eichen und Libanonzedern.
    „Wenn du mir deine neuesten Geheimnisse erzählen willst, musst du dich beeilen, Schwesterherz. Eine halbe Stunde, länger will Mutter mich nicht entbehren.“ Edward grinste. „Ganz neue Töne, was? Früher habe ich sie kaum interessiert.“
    „Tja, der verlorene Sohn.“ Ruby blickte Edward von der Seite an. „Sie weiß nicht, ob du noch der bist, der du warst. Doch sie brennt darauf, es herauszufinden.“
    „Mutter brennt niemals auf etwas“, sagte Edward trocken. „Sie ist das disziplinierteste Wesen, das ich kenne. Gottlob kommst du nur im Aussehen nach ihr, Schwesterherz.“
    Ruby biss sich auf die Unterlippe. Dann musste sie doch lachen und gab Edward einen Klaps auf den Arm. „So respektlos warst du früher aber nicht!“
    Er grinste auf sie herab. „Zu irgendetwas muss diese Verbannung ja gut sein, oder? Wenn auch nur dazu, die englische Förmlichkeit abzulegen. Es weitet den Blick, wenn man eine Zeitlang keine Briten zu sehen bekommt.“
    „Lebst du denn in Gambia nicht in Gesellschaft anderer Engländer?“, fragte Ruby neugierig.
    Edward schüttelte den Kopf. „Ich verbringe meine Zeit fast ausschließlich mit den Schwarzen, die auf der Plantage arbeiten.“
    „Wie bitte?“ Ruby blieb stehen. „Du meinst … du isst auch mit ihnen? Gehst mit ihnen jagen? Lädst sie in dein Haus ein? Das kann nicht dein Ernst sein!“
    Edward zog eine Augenbraue hoch. „Und warum nicht?“
    Weil du ein Weißer bist und damit ihr Herr.
    Der Satz lag Ruby auf der Zunge, doch etwas in Edwards Blick hinderte sie daran, ihn auszusprechen.
    Für einige Sekunden sahen sie einander stumm an, dann lachte Edward und zog Ruby am Arm weiter. „Wir wollten spazieren gehen, nicht spazieren stehen, oder? Komm, ich habe nur Spaß gemacht. Selbstverständlich unterhalte ich keine freundschaftlichen Beziehungen mit meinen Schwarzen. Aber mit Weißen eben auch kaum, weil unsere Besitzungen recht isoliert liegen. Wen will man zum Lunch einladen, wenn der arme Gast dafür einen Zweitagesritt auf sich nehmen müsste?“
    Ruby runzelte die Stirn. „Aber dann musst du furchtbar einsam dort sein!“
    „Mach dir keine Sorgen um mich, Ruby. Es geht mir gut in Gambia.“
    „Das hoffe ich von Herzen.“ Verunsichert ging sie neben ihm her. „Ich weiß so gar nichts mehr von dir, Edward. Deine Briefe waren immer vollkommen nichtssagend. Wenn überhaupt mal einer kam.“
    „Nun ja, ich habe viel zu tun. Eine Erdnussplantage unterhält sich nicht von selbst, und unser Verwalter ist kurz nach meiner Ankunft gestorben. Einen neuen konnte ich auf die Schnelle nicht finden. Also habe ich seine Arbeit selbst übernommen. Da bleibt wenig Zeit für anderes, und wenn es nur das Briefeschreiben ist.“
    Edward, ein geborener Compton, hatte die Arbeit des Verwalters übernommen? Das wurde ja immer seltsamer!
    „Es tut mir gut, eine Aufgabe zu haben“, fuhr Edward fort. „Ich weiß, es klingt verrückt, aber es macht mir Spaß, zu arbeiten! Richtig zu arbeiten, meine ich. Nicht nur als Oberhaupt anwesend zu sein, sondern die Plantage am Laufen zu halten. Die Erträge zu verbessern. Neue Absatzmöglichkeiten für unsere Erdnüsse aufzutun.“
    „Du hast recht, das klingt wirklich verrückt. Lass das bloß unsere Eltern nicht hören!“ Um zu überspielen, wie verblüfft sie war, fügte Ruby neckend hinzu: „Sie werden dich verdächtigen, eine bürgerliche Krämerseele geworden zu sein, und dann werden sie sich aus Verzweiflung über deinen Ladengeruch vor das nächste Automobil werfen!“
    „Und du?“, fragte Edward, ohne auf Rubys scherzenden Tonfall einzugehen. „Stört es dich, dass ich arbeite?“
    Unbehaglich blickte sie ihm in die Augen. „Mich? Nun, ich …“
    Sie brach ab. Dass ein Compton sich jemals mit etwas anderem beschäftigt hatte, als die verschiedenen Besitzungen zu verwalten, zur Marine zu gehen oder vorteilhaft zu heiraten und ein Leben in aristokratischem Müßiggang zu führen, war schlichtweg noch nie vorgekommen. Handel zu treiben wie ein kleiner Kaufmann? Unmöglich!
    Eigentlich.
    Trotzdem hörte Ruby sich sagen: „Nein, Edward, es stört mich kein bisschen. Nicht, wenn es dich glücklich macht.“ Im selben Moment wusste sie, dass das die Wahrheit war.
    „Das ist meine Ruby, an die ich in Afrika so gerne denke!“ Ihr Bruder lächelte dankbar.
    Bevor Ruby ihn jedoch weiter ausfragen konnte, setzte er munter hinzu: „Aber jetzt genug von mir geredet. Wie sehen deine Zukunftspläne aus? Du hast doch deine erste Saison in London hinter dir und bist nun bei Hofe eingeführt. Ich müsste mich sehr wundern, wenn du keinen Verehrer am Haken hättest, so hübsch, wie du geworden bist!“
    Rubys Miene verdüsterte sich. „Es sind zwei, um genau zu sein.“
    „Das klingt nicht gerade begeistert.“
    Sie seufzte. „Wärst du begeistert, wenn du die Wahl zwischen Lord Grinthorpe und Lord Hangsworth hättest? Sei ehrlich!“
    „Lord Grinthorpe – ist das der dürre Kerl mit den Fischaugen? Er muss schon an die fünfzig sein.“
    „Dreiundfünfzig.“
    „Uh.“ Edward verzog das Gesicht. „Und der andere … Lord Hangsworth, sagtest du? Den kenne ich auch, aus meiner Zeit in Oxford. Arroganter Zeitgenosse. Nun, immerhin ist er jung, und er sieht gut aus.“
    „Beides trifft auch auf unseren Bruder Basil zu“, entgegnete Ruby. „Dennoch bemitleide ich seine Verlobte Matilda von Herzen.“
    „Ich auch.“
    „Eben.“
    Sie hatten eine steinerne Bank erreicht und ließen sich darauf nieder. Beide blickten sie auf Rosefield Hall, dessen graue Mauern im Abendlicht rosa schimmerten. Fast fühlt es sich an wie früher, dachte Ruby.
    „Gott sei Dank bist du wieder da“, sagte sie leise. „Du bist der Einzige, der mich versteht, Edward. Weißt du, manchmal denke ich, wir beide gehören gar nicht wirklich hierher … zu unseren Eltern und zu Basil. Als würde irgendetwas nicht stimmen mit uns. Mit mir.“
    Edward griff nach ihrer Hand und drückte sie.
    „Zumindest mit dir, Ruby, stimmt alles“, sagte er warm. „Und wenn du weder Lord Grinthorpe noch Lord Hangsworth heiraten möchtest, dann lass es bleiben. Es war deine erste Saison in London. Du hast noch mehr als genug Zeit, um den Richtigen zu finden.“
    Aber hatte sie die wirklich?
    In Edwards Augen las sie, dass er davon überzeugt war. Schließlich war sie erst achtzehn und weder hässlich noch arm. Doch Lady Compton hatte ihr während der Saison deutlich zu verstehen gegeben, dass sie Ruby so rasch wie möglich verheiratet sehen wollte. Nicht auszudenken, wie die Mutter reagieren würde, wenn einer der beiden Lords um Rubys Hand anhielte und sie ihm einen Korb gäbe!
    Ruby seufzte. Ob auf Pearls Rücken oder an Edwards Seite: Lange würde sie es nicht mehr schaffen, ihrem Schicksal zu entfliehen.

    Florence

    Müde und hungrig nahm Florence ihren Platz am Dienstbotentisch ein. Als oberstes Hausmädchen saß sie stets zwischen Lady Comptons Kammerzofe und Mabel, einem der jüngeren Hausmädchen. Es war halb zehn, die Herrschaften oben hatten ihr Dinner beendet, und so war hier unten endlich Essenszeit.
    Nachdem sie einige Gabeln Fleisch mit Erbsen zu sich genommen hatte, fühlte Florence sich besser. Ach, es ging doch nichts über ein nahrhaftes, gut zubereitetes Mahl! Florence fühlte Dankbarkeit in sich aufsteigen. Obgleich sie von frühmorgens bis spätabends auf den Beinen war, vergaß sie nie, welch großes Glück es war, etwas zu beißen und ein Dach über dem Kopf zu haben.
    Keine Selbstverständlichkeit für eine wie sie.
    Florence war erst dreizehn gewesen, als ihre Eltern kurz nacheinander gestorben waren. Sie hatte weder Geschwister noch nähere Verwandte, und so hatte sie eine schreckliche Woche lang nicht gewusst wohin. Doch dann hatte Mrs Ponder, die Hausdame der Comptons, ihr angeboten, als Hausmädchen auf Rosefield Hall zu arbeiten. Das war nun elf Jahre her, und Florence war Mrs Ponder immer noch dankbar dafür. Denn wo wäre sie gelandet, wenn die Hausdame sich ihrer nicht erbarmt hätte? Florence mochte gar nicht daran denken.
    Langsam entspannte sie sich von den Mühen des Tages, und während sie ihren Teller bis auf den letzten Bissen leer aß, ließ sie sich von dem fröhlichen Geplauder, das im Dienstbotenraum herrschte, einhüllen wie von einer warmen Decke. Dies hier war ihre Familie. Die ersten Jahre waren zwar hart gewesen, aber nun fühlte sie sich wohl und kam mit den anderen gut aus. Oh ja, sie hätte es wirklich schlechter treffen können.
    „Ich verstehe einfach nicht, warum er laufen musste“, drang Mr Lyams missmutige Stimme in ihre Gedanken. „Er hätte doch vom Postamt aus anrufen können, um Bescheid zu geben, dass er mit einem früheren Zug ankommt! Dann hätte ich ihn abgeholt. Ich meine, wozu besitzt dieses Haus ein Telefon, wenn kein Mensch es benutzt und nie jemand hier anruft?“
    Florence hob erschrocken den Kopf und blickte über den Tisch zu Mr Lyam hinüber. Jeder wusste, dass der Chauffeur sich als etwas Besseres fühlte, weil er das Autofahren beherrschte und Lord Compton seine Dienste sehr zum Verdruss des Kutschers öfter und öfter in Anspruch nahm. Doch dass Mr Lyam sich erdreistete, offen das Verhalten eines Compton zu kritisieren, war selbst für ihn mit seinem übersteigerten Selbstbewusstsein ein starkes Stück.
    Mr Hurst, der als Butler unangefochten über die Dienerschaft herrschte, versetzte auch sogleich: „Es steht Ihnen wohl kaum zu, Master Compton vorzuschreiben, wie er sich verhalten soll, Lyam. Wenn er zu Fuß gehen möchte, so geht er zu Fuß. Punkt.“
    „Aber es ist exzentrisch!“, murrte Mr Lyam.
    „Exzentrisch zu sein, ist Master Comptons gutes Recht“, sagte Mr Hurst würdevoll. „Und nun möchte ich kein Wort mehr über die Angelegenheit hören.“
    Folgsame Stille herrschte am Tisch, während eines der Küchenmädchen das Dessert auftrug. Es gab Reispudding, und da die Köchin dieses Rezept besonders gut beherrschte, sah man bald wieder zufriedene Gesichter.
    Im Stillen musste Florence jedoch zugeben, dass Mr Lyam nicht ganz unrecht hatte: Als adeliger Herr den langen Marsch vom Bahnhof nach Rosefield Hall auf Schusters Rappen zu absolvieren, war exzentrisch. Master Compton hatte sein gesamtes Gepäck am Bahnhof gelassen – Mr Lyam hatte es vor dem Dinner dort abholen müssen – und hatte die Familie mit seiner frühen Ankunft völlig aus dem Konzept gebracht. Weder war Miss Compton von ihrem Reitausflug zurückgewesen noch hatte die Dienerschaft vor dem Eingang Aufstellung beziehen können, wie es sich gehört hätte. Stattdessen war Master Compton einfach in den Salon spaziert.
    Florence verkniff sich ein Lächeln. Der junge Herr hatte schon immer einen Hang zu unkonventionellem Verhalten gehabt. Vielleicht hatte sie Master Compton deshalb so gern gemocht, als er noch hier gelebt hatte, obgleich sie ihm natürlich selten begegnet war. Hausmädchen hatten in den Räumen, in denen die Herrschaften sich aufhielten, nichts zu suchen; geputzt wurde grundsätzlich, wenn die Lords und Ladys außer Sicht waren. Dennoch, von Ferne war Master Compton ihr sympathisch gewesen.
    Mr Lyam aß den letzten Löffel seines Puddings, dann lehnte er sich zurück.
    „Dass er Neger mitgebracht hat“, sagte er und blickte Mr Hurst provozierend in die Augen, „das ist wohl auch sein gutes Recht, was?“
    Florence zuckte zusammen, Mabel und Kate kicherten und Mr Hurst fehlten die Worte, was bei ihm äußerst selten vorkam.
    Rasch schaltete sich Mrs Ponder ein. „Selbstverständlich ist es das, Mr Lyam“, sagte die Hausdame scharf. „Menschen wie diese … Afrikaner mögen uns fremd erscheinen, doch wenn Master Compton in Gambia keine weißen Bediensteten auftreiben konnte, so steht es ihm ohne Frage frei, auch schwarze Diener mitzubringen.“
    „Neger auf Rosefield Hall!“, knurrte Mr Yorks, Lord Comptons Kammerdiener. „Gut finde ich das ja nicht! Er hätte sie im Busch lassen sollen, wo sie hingehören. An Dienern herrscht auf Rosefield Hall schließlich kein Mangel. Wir hätten ihm John zur Seite stellen können, oder Charles.“
    „Wenn die Neger jetzt hierbleiben, sollen sie dann etwa auch mit uns essen?“, fragte Mr Lyam und verzog den Mund.
    „Du lieber Himmel. Dann muss unsere gute Mrs Bloom von nun an wohl Heuschrecken braten!“, witzelte Mr Yorks.
    Alle lachten, nur der Butler und die Hausdame blieben ernst, und auch Florence konnte an Mr Yorks Bemerkung nichts komisch finden. Als der Kammerdiener ihr vergnügt zugrinste, brachte sie nur mit Mühe ein Lächeln zustande.
    Sie konnte sich nur allzu gut daran erinnern, wie sie selbst sich anfangs auf Rosefield Hall gefühlt hatte: einsam, auf der untersten Stufe der Hierarchie, von allen umhergescheucht und oft genug das Ziel derber Späße. Mit der Zeit war es besser geworden, aber in den ersten Jahren hatte Florence oft heimlich geweint. Nein, das wünschte sie niemandem, mochte er nun weiß sein oder schwarz. Deshalb würde sie sich auch nicht daran beteiligen, wenn die Dienerschaft auf den Afrikanern herumhackte, selbst wenn diese gar nicht anwesend waren.
    Mr Hurst fand endlich seine Stimme wieder, und mit ihr seine gesamte machtvolle Autorität als Butler.
    „Schluss jetzt!“, bellte er in die Runde. „Noch ein Wort von irgendjemandem, und alle gehen auf ihre Zimmer!“
    Das saß. Die gemeinsame Zeit nach dem Abendessen, wenn Karten gespielt, auf dem Klavier musiziert oder gesungen wurde, war der Höhepunkt eines jeden Tages, und niemand war gewillt, darauf zu verzichten. Also vergaß man weiße Exzentrik und schwarze Essensvorlieben, widmete sich wieder dem alltäglichen Klatsch und genoss den kurzen, aber fröhlichen Feierabend.
    Nur Florence war nachdenklicher als sonst.

    Zwei Stunden später half sie Miss Compton, sich zum Schlafengehen bereit zu machen.
    „Ist es nicht wunderbar, dass er wieder zu Hause ist?“, fragte ihre junge Herrin sie mit leuchtenden Augen. „Das Leben in Afrika scheint ihm gut zu tun. Edward sieht hervorragend aus, findest du nicht auch?“
    Florence, die hinter Miss Compton stand und ihr mit langen, sanften Strichen das Haar bürstete, musste lächeln. Glück und Aufregung zeichneten sich auf Miss Comptons Zügen ab, und Florence registrierte wieder einmal, wie hübsch ihre junge Herrin war. Alles, was bei der Mutter und dem ältesten Bruder kühl und einschüchternd wirkte – das glänzende schwarze Haar, die tiefgrünen Augen, die helle Haut –, erschien ihr bei Miss Compton anziehend und weich.
    „Sie haben recht, Madam, Ihr Bruder ist wirklich sehr ansehnlich“, pflichtete Florence ihr bei.
    Das war nicht gelogen: Master Compton war zwar ebenso semmelblond wie sein Vater, aber nicht feist und rotgesichtig wie dieser, sondern groß, schlank und braun gebrannt. Es war fast unmöglich, fand Florence, nicht von seinem Äußeren eingenommen zu sein. Früher einmal hatte sie sogar geglaubt, sich ein wenig in den Herrn verliebt zu haben. Doch da ihre Gefühlsverwirrung nicht nur absolut unangemessen gewesen war, sondern auch mit Master Comptons Abreise in die Kolonien ein jähes Ende gefunden hatte, war es Florence nicht schwer gefallen, diese dumme Vernarrtheit zu vergessen. Herren wie Master Compton, das wusste sie nur allzu gut, waren nichts für eine wie sie.
    Außerdem, dachte Florence und unterdrückte ein Seufzen, war da ja noch Mr Yorks. Dass Florence etwas zu rundlich war – das einzig Zarte an ihr waren ihre Hände –, ihr Gesicht nur durchschnittlich hübsch und ihr Haar von langweiliger mittelbrauner Farbe, schien den Kammerdiener nicht zu stören. Er machte ihr seit Wochen den Hof, und er wäre eine gute Partie, das wusste sie.
    Plötzlich fühlte sie sich unbehaglich.
    „Ich finde es sehr mutig von Edward, einen schwarzen Diener hierher mitzubringen“, erklärte Miss Compton, und Florence ließ den Gedanken an Mr Yorks bereitwillig fallen. „Und dazu noch dessen Ehefrau! Das ist wirklich ungewöhnlich. Aber Edward sagt, der Diener, Jacob heißt er glaube ich, hätte seine Frau niemals alleine in Gambia zurückgelassen. Die Familienbande seien dort sehr stark, und der männliche Beschützerinstinkt auch.“
    „Es ehrt Master Compton, dass er Jacob nicht einfach gezwungen hat, die Frau zurückzulassen“, erwiderte Florence.
    Sofort biss sie sich auf die Zunge und schalt sich innerlich einen Dummkopf. Ungefragt seine Meinung kundzutun, war für ein Mitglied der Dienerschaft ein schwerer Fauxpas. Schon lange war er ihr nicht mehr unterlaufen, und nun das, eine wertende Bemerkung über Miss Comptons Bruder! Wie ihre Herrin wohl reagieren würde?
    Doch Miss Compton nickte nur lächelnd, und Florence atmete auf.
    Trotzdem nahm sie sich vor, zukünftig noch vorsichtiger zu sein. Seit sie zu ihren normalen Pflichten, die aus Putzen, Kaminstellen reinigen und nochmals Putzen bestanden, die Aufgabe übernommen hatte, der jungen Lady beim An- und Auskleiden behilflich zu sein, hatte sich zwischen ihr und Miss Compton zwar fast so etwas wie eine Freundschaft entwickelt. Manchmal hatte Florence sogar das Gefühl, dass ihre Herrin genauso unfrei war wie sie selbst, mit dem einzigen Unterschied, dass Florences Gefängnis aus der täglichen Tretmühle harter Hausarbeit bestand, während Miss Compton eher in einem goldenen Käfig umherflatterte.
    Dennoch, niemals durfte Florence vergessen, dass sie keine Freundinnen waren, selbst wenn es ihr immer wieder so vorkam. Sie mochten einander sympathisch sein und miteinander plaudern, aber ihre Herrin lebte oben und sie selbst unten, und das würde sich niemals ändern. Besser also, Florence vergaß das nicht. Keinen Augenblick lang.
    Sonst würde sie nämlich schneller auf der Straße sitzen, als sie Luft holen konnte.

    Als Florence sich endlich auf ihrem Bett ausstrecken durfte, war es weit nach Mitternacht. Sie zog die Decke bis unter das Kinn. Todmüde blickte sie durch das kleine Dachfenster in den nächtlichen Augusthimmel und fragte sich, ob sie in ihrem Leben wohl einmal, nur ein einziges Mal, mehr als fünf Stunden Schlaf am Stück bekommen würde.
    Wahrscheinlich nicht.
    Bevor ihr die Augen zufielen, fragte sie sich noch, wo eigentlich die Schwarzen untergebracht waren, warum sie nicht mit der übrigen Dienerschaft gegessen hatten und ob sie ihren ersten Abend auf Rosefield Hall wohl freiwillig so isoliert verbracht hatten.
    Doch Florence war zu erschöpft, um länger darüber nachzudenken. Morgen, nahm sie sich schon halb im Traum vor, morgen würde sie die Afrikaner aufsuchen und sie herzlich auf Rosefield Hall willkommen heißen.
    Keine Sekunde später war sie eingeschlafen.
     

2014

Sternschnuppenträume Cover

Sternschnuppenträume
Jugendroman 
Egmont INK, April 2014
352 Seiten, gebundene
Ausgabe, € 14.99
ISBN 978-3-86396-065-0
Auch als E-Book erhältlich
Auch als Taschenbuch erhältlich

  • Sternschnuppenträume an der Nordsee

    
Als Svea den Kopf in den Nacken legt und in den sternenklaren Nachthimmel schaut, geschehen zwei Dinge, mit denen sie absolut nicht gerechnet hat. Erstens: Sie sieht eine Sternschnuppe, eine lange, strahlende, wunderschöne - eine, die Wünsche in Erfüllung gehen lässt. Zweitens: Im nächsten Moment taucht Nick neben ihr auf. Nick sieht gut aus, ist charmant und wird ihr ganz bestimmt schon morgen das Herz brechen. Doch heute Nacht will Svea nicht an morgen denken - daran, dass es für sie und Nick keine Zukunft geben kann. Morgen wird die Welt wieder so sein wie vorher. Eine Welt ohne Nick.
    Oder etwa nicht?
     
    Ab 14 / New Adult
  • Eine lange Leseprobe gibt's auf der Website des Verlags:

    Egmont INK

    Viel Spaß!

     

  • LoveLetter-Magazin, 'Unsere Lieblingsbücher in diesem Heft', April 2014:

    "In Julie Leuzes zweitem Jugendbuch ist nichts und niemand, wie es anfangs scheint. Nick und Svea wirken nach außen wie ganz normale unbeschwerte Jugendliche kurz vor dem Abitur. Mit viel Empathie beschreibt die Autorin das Gefühlschaos der beiden, ihre Zweifel, Ängste und Hoffnungen. Kurze Kapitel, abwechselnd aus Sveas und Nicks Sicht erzählt, treiben das Tempo rasch voran. Zwar geht es beim ersten Aufeinandertreffen direkt unter die Haut, bis sich die zwei aber endgültig finden, gilt es, einige Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und über wahre Gefühle zu reden. Julie Leuze schreibt dabei wie eine gute Freundin, die ihre Geschichte erzählt, was es unmöglich macht, nicht mehr 'zuzuhören'. Und so fühlt, träumt und fiebert der Leser mit, wird zornig und verliebt sich auch ein bisschen - und wünscht sich vor allem mehr davon."

    Weitere Rezensionen gibt's wie immer im Internet, so auch

    auf amazon und bei lovelybooks!

2013

Der Ruf des Kookaburra
Roman 
Goldmann, November 2013
416 Seiten, Taschenbuch,
Klappenbroschur, € 9.99
ISBN 978-3-442-47843-9
Auch als E-Book erhältlich

 

  • Das australische Abenteuer geht weiter...

    Die junge Emma Scheerer lebt mit ihrem Mann Carl, einem Forscher, in der australischen Wildnis. Als Emmas Freundin Purlimil Zwillinge bekommt, verlangt ihr Clan, dass das Zweitgeborene nach Aborigines-Tradition getötet wird; doch Emma adoptiert das Baby. Dayindi, der law man des Clans, fürchtet, dass Emma mit ihrer Tat den Zorn der Geister auf sich gezogen hat. Tatsächlich passieren in der Folge seltsame Dinge, schließlich verschwindet Carl spurlos. Ist das die Rache der Geister? Oder steckt vielmehr ein alter Feind dahinter, der sich an Emma und Carl rächen will?

     

  • Am späten Nachmittag verließen Emma und Carl ihr Zelt, um ein dringend nötiges Bad im nahen Bach zu nehmen.
    Sie hatten sich ihre gemeinsamen Bäder schon bald nach der Hochzeit angewöhnt. Versteckte Plätze dafür gab es am Laufe des wilden Baches genug. Emma liebte es, mit Carl das frische Wasser zu genießen, und mehr noch liebte sie das Gefühl von Intimität und Vertrauen, das sich dabei zwischen ihnen einstellte.
    Purlimil, die vor ihrer Rindenhütte hockte und im Feuer stocherte, den riesigen Babybauch zwischen den Knien, grinste ihr wissend zu. Emma grinste zurück. Sich zu schämen, weil sie sich mit Carl am helllichten Tag der körperlichen Liebe hingegeben hatte - und jeder hier es ahnte -, hatte sie längst aufgegeben. Sexualität galt im Clan schließlich als ebenso natürlicher Teil des Alltags wie Schwangerschaft und Geburt. Alles gehörte zum Kreislauf des Lebens, das mit dem Tod endete und in eine Wiedergeburt mündete.
    Es war eine völlig andere Sichtweise als die, die man Emma in ihrer strengen schwäbischen Heimat beigebracht hatte, und so hatte sie eine Weile gebraucht, bis sie die Unbekümmertheit der Eingeborenen hatte übernehmen können. Aber Deutschland und Emmas Erziehung waren weit, weit weg; die Mutter war tot, und der Vater hatte nie auf Emmas Brief geantwortet; Carl und die Schwarzen hingegen waren ständig um Emma herum. Warum sollte sie sich mit deutscher Prüderie belasten, wenn es niemanden gab, der dies von ihr forderte?
    Außerdem, dachte Emma, als sie nun mit Carl durchs Lager schlenderte, außerdem will ich mich ja anpassen.
    Deshalb lebte sie schließlich hier: um das Clan-Leben von innen kennenzulernen und zu begreifen.
    Sie fand, dass sie in ihren Bemühungen schon ziemlich weit gekommen war. Allerdings musste sie auch zugeben, dass es ganz ohne die Errungenschaften der modernen Welt doch nicht ging. Mit der Hütte zum Beispiel, in der sie ganz zu Anfang gewohnt hatten, hatte Emma sich einfach nicht anfreunden können. Nichts als Rindenstreifen und Gras um sich herum zu wissen, war nichts für sie. Deshalb wohnten sie und Carl inzwischen in einem großen, weißen Zelt, das nicht nur wasserdicht war, sondern vor allem auch komplett geschlossen werden konnte und ihnen so das Gefühl gab, unbeobachtet zu sein.
    Anders als die Schwarzen besaßen Emma und Carl auch keinen Dingo als Wärmespender, sondern warme Decken. Und auch Kleidung trugen sie weiterhin, Anpassung hin oder her. Lediglich auf Krinoline und Korsett verzichtete Emma gerne.
    In regelmäßigen Abständen ritten sie außerdem gemeinsam nach Ipswich, um zur Post zu gehen, ihre Berichte an die Kolonialregierung abzuschicken und sich mit den unabdingbaren Gütern der Zivilisation zu versorgen wie Zahnpulver, Seife, Papier und Tinte. Emma besaß Haarbürsten und einen kleinen Spiegel, und Carl rasierte sich alle paar Tage.
    Man konnte nicht alles ablegen, was einem einmal wichtig gewesen war, da waren die beiden sich einig.
    Immerhin hatten sie ihre Essgewohnheiten geändert. Morgens frühstückten sie Mehlfladen oder Früchte, aßen manierlich vom Teller und tranken Wasser aus Zinnbechern; das Abendessen jedoch nahmen sie mit dem Clan in großer Runde ein. Sie aßen dann das, was alle aßen – und vor allem wie sie es aßen: mit der Hand, ob es nun roh oder gekocht war, trocken oder triefend vor Blut und Fett. Ein bisschen eklig fand Emma das noch immer, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen.
    Wo man es ihr gestattete, nahm Emma auch an den Bräuchen und Alltagsverrichtungen der Frauen teil, so dass sie detaillierte Berichte an die Kolonialregierung schreiben konnte, mit Erkenntnissen, die jedem männlichen Forscher verschlossen geblieben wären. Denn die „Frauenangelegenheiten“, wie die Schwarzen es nannten, waren in großen Teilen strikt von den „Männerangelegenheiten“ getrennt. Oh ja, dachte Emma zufrieden, sie war der Regierung als Forscherin von Nutzen! Wenn sie auch manchmal unsicher war, wie sie ihre Beobachtungen in eine wissenschaftlich verwertbare Form bringen sollte, so stellte dies doch kein ernsthaftes Problem dar. Denn Carl stand ihr in allen Fragen, die sie als Forscherin hatte, mit Rat und Tat zur Seite.
    Was täte sie nur ohne ihn? Carl war nicht nur ihr Geliebter und Ehemann, sondern auch ihr Lehrer. Alles, was sie über wissenschaftliches Arbeiten wusste, wusste sie von ihm; alle Schwierigkeiten ihres neuen Lebens meisterte sie nur, weil Carl bei ihr war. Manchmal machte Emma seine Überlegenheit fast ein bisschen Angst. In solchen Augenblicken dachte sie, dass sie Carl nicht minder lieben würde, wenn er einmal nicht stark, sondern schwach und unvollkommen wäre. Aber noch hatte sie keine Gelegenheit bekommen, ihm das zu beweisen.
    Ihm – und sich selbst.
    Carl fiel ihr nachdenklicher Ausdruck auf, und er lächelte sie an. „Wir sind da, Amazone. Bereit für den Sprung ins kalte Wasser?“
    Sie hob die Hand und strich ihm eine schwarze Locke aus der Stirn. „Mit dir immer, Carl.“
    Nach einem Blick auf das schäumende Wasser setzte sie ehrlich hinzu: „Na ja, vorausgesetzt, es ist nicht allzu kalt.“
    „Ach, die gnädige Frau will eine Badewanne?“ Carl grinste. „Soll ich dir zu Weihnachten eine schenken, hm?“
    „Gute Idee! Wir stellen sie einfach hier neben dem Bach auf.“ Emma lachte. „Dann badest du im kalten Wasser und ich im heißen.“
    Amüsiert nahm Carl die Herausforderung an. „Umgekehrt, Emma. Schließlich bin ich der Mann, und du musst als gute Ehefrau alles dafür tun, dass ich es behaglich habe. Da haben deine Lehrer in Deutschland wohl einige Lektionen ausgelassen?“
    „Kaum“, versetzte sie und stemmte die Hände in die Hüften. „Wahrscheinlich habe ich bloß nicht zugehört, sondern mir meine Konzentration für die wirklich interessanten Dinge aufgespart.“
    „Was könnte interessanter sein als dein Ehemann?“
    „Zum Beispiel folgende Lektion: Wer sich mit seiner Frau kabbelt und dabei zu nahe am Uferrand steht …“
    Emma versetzte ihm einen Schubs. Es platschte laut, als er vollständig bekleidet in den Bach fiel.
    „… der liegt schneller im Wasser, als er gucken kann“, ergänzte sie grinsend.
    Prustend tauchte Carl wieder auf. Mit einer schnellen Kopfbewegung warf er sich das schwarze Haar aus der Stirn. „Na warte, Amazone!“, schnaubte er, stemmte sich hoch und griff nach ihr.
    Keine Sekunde später war auch Emma im Wasser.
    Die Kälte ließ sie nach Luft schnappen, doch dann schoss ein Energiestoß durch ihren Körper und sie fühlte sich, als müsse sie vor Lebensfreude bersten. Warum hatte sie sich auch nur eine Sekunde lang mit Grübeleien aufgehalten? Herrgott, sie war einfach glücklich! So glücklich, hier mit Carl im Bach herumzualbern, den Augenblick zu genießen und gleichzeitig eine gemeinsame Ewigkeit vor sich zu haben … so glücklich, dass sie überzuströmen schien.
    Etwas keuchte im Dickicht.
    Emma runzelte die Stirn, abrupt aus ihrem Freudentaumel gerissen. Sie starrte in die grüne Wildnis am Ufer.
    Niemand.
    Natürlich nicht!, schalt Emma sich und atmete tief durch. Hatte sie wirklich geglaubt, da verstecke sich jemand?
    Fest entschlossen, das seltsame Keuchen zu ignorieren, schlang sie ihre Arme um Carls Hals. Sie nahm den nassen Hemdstoff wahr, der sich um seinen Oberkörper schmiegte und jeden Muskel überdeutlich zur Geltung brachte, und ihr fiel ein, wie sie vor vielen Monaten ebenfalls klatschnass voreinander gestanden hatten. Damals hatten sie gemeinsam Carls Pferd aus einem reißenden Fluss gerettet … und hätten sich danach am liebsten geküsst. Was sie natürlich nicht getan hatten, war sie doch noch Fräulein Röslin gewesen, und er ihr unnahbarer Forschungsleiter.
    Sie lächelte kokett. „Mit nassen Kleidern hatten wir es von Anfang an, erinnerst du dich?“
    „Und wie ich mich erinnere. Aber ohne nasse Kleider fühlt man sich noch besser, finde ich.“
    Carl fing an, Emma auszuziehen, öffnete Haken, Ösen und Bänder und warf die schwere, mit Wasser vollgesogene Kleidung achtlos ans Ufer. Dann entledigten sie sich beide ihrer Schuhe, Carls Hemd und seine Hose folgten, bis sie nackt und eng umschlugen im Bach standen.
    „Wir wollten uns doch waschen“, murmelte Emma an Carls Mund.
    „Ja“, sagte er rau und hob sie auf seine Hüfte. „Aber das kann noch eine Weile warten.“
    Sie schlang die Beine um ihn, knabberte an seinem Ohr. „Unersättlich, was?“
    Carl schwieg. Abrupt hielt er in seinen Bewegungen inne.
    Hatte sie etwas Falsches gesagt? Emma biss sich auf die Unterlippe. Sie löste sich von Carl und sah ihm forschend ins Gesicht.
    Sein Gesichtsausdruck hatte sich vollkommen verändert, keine Spur mehr von Lust. Wachsam und angespannt blickte er um sich.
    „Carl, was ist denn los?“
    „Hast du nicht auch das Gefühl“, fragte er leise, „dass wir beobachtet werden?“
    Du lieber Gott! Peinlich berührt spähte Emma in das Farndickicht. „Das sähe den Schwarzen aber gar nicht ähnlich. Sie neigen ja eigentlich nicht dazu, heimlich zuzuschauen, wenn man … ähm …“
    „Du hast recht. Trotzdem, da ist irgendetwas, das spüre ich.“
    „Ich auch“, gab sie zu.
    Carl rührte sich nicht, sondern starrte konzentriert zum Ufer hinüber und lauschte. Auch Emma versuchte herauszufinden, was anders war als sonst.
    Alles war still und friedlich, nicht einmal das Rascheln eines Tieres war zu hören.
    „Vielleicht haben wir es uns nur eingebildet“, sagte Carl verunsichert.
    „Das denke ich auch.“ Halbherzig schlug Emma vor: „Möchtest du trotzdem lieber zurück ins Lager gehen?“
    Einen Wimpernschlag lang zögerte Carl. Dann schüttelte er entschlossen den Kopf. „Nein. Das wäre albern. Von einem vagen Gefühl sollten wir uns nicht ins Bockshorn jagen lassen.“
    Emma lächelte erleichtert und schlang ihre Beine erneut um seine Hüften. „Ganz meine Meinung.“

     

    3

     

    „Hoppla, nicht so schnell, mein Großer! Sonst verlierst du mich noch unterwegs.“
    Emma zügelte Orlando, bis er schnaubend auf der Stelle tänzelte.
    „So, das war’s“, sagte sie und schwang sich aus dem Sattel. Ihre Knie zitterten, als sie auf dem steinigen Boden zu stehen kam. „Reite deinen schwarzen Teufel wieder selbst, Carl, und gib mir meinen sanften, wenn auch lahmen Engel wieder.“
    Carl saß von Princess ab und verkniff sich ein Grinsen. „Tja, einen Versuch war es wert, oder?“
    „Solange es bei dem einen bleibt“, murmelte Emma.
    Sie schämte sich. Carl hatte sie gewarnt, dass Orlando zu wild für sie sei, und eigentlich wusste sie das auch selbst.
    Aber hatte sie nicht in dem Jahr, das sie nun schon in Australien lebte, richtig gut reiten gelernt? Hatte sie ihre Angst vor großen Rössern nicht spätestens verloren, als sie Orlando aus dem Fluss gerettet hatten?
    Also hatte sie Carl darum gebeten, bei ihrem heutigen Ausritt die Pferde zu tauschen; ihre brave weiße Stute gegen seinen feurigen schwarzen Hengst.
    Sie seufzte. Das Ergebnis war eindeutig: Dass sie und Princess perfekt zusammenpassten, sie und Orlando hingegen überhaupt nicht, stimmte nach wie vor. Vielleicht sogar mehr denn je, wurde Orlando doch nur noch ein-, zweimal pro Woche geritten und genoss ansonsten ungestört sein freies Koppelleben mit Princess.
    Die beiden Pferde gehörten Emma und Carl fast so lange, wie sie beide einander kannten. Sie hatten ihre erste gemeinsame Expedition mit den Pferden gemacht, und sie behielten sie auch, nachdem sie beschlossen hatten, fortan im Regenwald ihr Zelt aufzuschlagen. Während die Scheerers beim Clan lebten, blieben die Pferde einfach auf ihrer Weide im ehemaligen Forschungslager. Alle paar Tage kamen Emma und Carl, um nach den Tieren zu sehen, sie zu pflegen und zu reiten. Sie brauchten Orlando und Princess schließlich, um nach Ipswich zu kommen; das freie, einsame Leben der Tiere durfte auf keinen Fall in gänzlich ungezähmte Wildheit abgleiten. Orlando und Princess waren Reittiere, und das sollten sie auch bleiben.
    Der schwarze Hengst schien da allerdings anderer Meinung zu sein. Emma stieg in den Steigbügel und schwang sich auf ihre stets gefügige Stute. Faul oder nicht, mit Princess lief man wenigstens nicht Gefahr, sich den Hals zu brechen.
    „Machen wir uns auf den Rückweg“, sagte sie und drückte Princess die Fersen in die Flanken.

    Die Pferde wieherten, als sie endlich auf ihre Weide zutrabten – oder vielmehr auf das Stück notdürftig bereinigte Wildnis, das ihnen als Weide diente. Emma, die längst ihre gute Laune wiedergefunden hatte, tätschelte Princess den Hals. Verwöhnt waren die Pferde wahrlich nicht: Ein einfacher Holzzaun hinderte sie am Weglaufen, das Gras auf der Weide war eher dürr als saftig, und das, was Emma und Carl als Bächlein zu bezeichnen pflegten, war bloß ein Rinnsal. Doch besser als im Regenwald war es allemal, denn dort konnten die Pferde auf Dauer nicht sein. Hier hingegen hatten sie sich von Anfang an wohlgefühlt; schon damals, als Emma und Carl mit ihrer kleinen Forschergruppe die verlassenen Hütten des Straßenbauingenieurs Mr. Hay in Besitz genommen hatten.
    Ihre Gedanken schweiften zurück.
    Damals hatten die Pferde ihre Weide noch mit den Lastochsen teilen müssen. Die Forscher hatten im Haupthaus und den Hütten Pflanzenstudien betrieben, hatten wochenlang hier gelebt und gearbeitet, hatten den Eukalyptuswald und schließlich den Regenwald erkundet. In dieser Zeit hatte auch Emma, obwohl sie eine Frau war, ihren Forschergeist entdeckt, und Carl hatte sie darin unterstützt. Alles war gut gegangen – bis der eifersüchtige Oskar sein wahres Gesicht gezeigt hatte.
    Bis die Situation eskaliert war.
    Bis Oskar Emma fast vergewaltigt hätte und sie zu den Schwarzen geflohen war …
    Oskars gehässige Stimme, während seine Hände ihren Körper besudeln. Sein Atem, stinkend wie Pesthauch. Seine Drohung, dass sie es niemals vergessen würde.
    Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, um die demütigende Erinnerung zu vertreiben. Warum musste sie bloß immer wieder daran denken? Vorbei, dachte sie, es war ein für allemal vorbei! Doch erst als sie Carls liebevollen Blick auf sich spürte, wich die Erinnerung der Gegenwart. Wenn Carl bei ihr war, war alles gut. Dann konnte ihr nichts und niemand etwas anhaben.
    Emma ließ sich von Princess’ Rücken auf den Boden gleiten. Sie dachte daran, dass es leider auch die anderen Momente gab. Diejenigen, in denen sie fürchtete, sich niemals von Oskars Schatten befreien zu können – wenn Hass und Gewalt nur darauf zu lauern schienen, erneut über sie herzufallen. Würde sie je darüber hinwegkommen?
    „Alles in Ordnung bei dir, Liebste? Du siehst ein bisschen blass aus.“
    Carl saß ebenfalls ab. Er trat auf sie zu, und Emma spürte, dass seine bloße Existenz dazu imstande war, den Schatten in Schach zu halten. Dankbar lächelte sie.
    „Alles in Ordnung.“
    Carl legte ihr die Hand in den Nacken und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Die Dunkelheit wich dem Geschmack der Liebe, und als Emma den schweren Sattel von Princess’ Rücken hievte, die Stute festband und sich daran machte, ihr den Staub aus dem Fell zu striegeln, war die Vergangenheit ein weiteres Mal gebannt.
    Mit Carl zusammen war sie unverwundbar.

  • "Endlich geht es nach 'Der Duft von Hibiskus' mit Emma und Carl Scheerer weiter. Die selbstbewusste Heldin lässt sich auch in der Fortsetzung nicht beirren und handelt so, wie ihr Herz und ihr Verstand es ihr befehlen. (...) Zwischen vielen Wendungen und Überraschungen hat Julie Leuze erneut ein Auge für die Schönheit Australiens und glänzt mit sehr gut recherchierten Hintergrundinfos zu seinen Bewohnern und Sitten. Zwischen jeder Menge Abenteuer und Intrigen bleibt aber auch wieder genug Platz für die wahre Liebe."
    loveletter-Magazin, Dezember 2013

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2013

Der Geschmack von Sommerregen
Jugendroman
Egmont INK, Juli 2013
320 Seiten, gebundene Ausgabe, € 14.99
ISBN 978-38639606629
Auch als E-Book erhältlich
Auch als Taschenbuch erhältlich

 

 

  • Ausgezeichnet mit dem DeLiA-Award für den besten deutschsprachigen Liebesroman 2013:
     

    Welche Farbe hat die Liebe?

    Sophie ahnt nicht, dass ein halbes Lächeln alles auf den Kopf stellen wird. Dass ein einziger Blick aus schokoladenbraunen Augen ausreichen wird, um ihre Welt in Funken sprühendes Himmelblau zu tauchen. Dass ein einziger Kuss ihr den Mut verleihen wird, dem Familiengeheimnis auf den Grund zu gehen, das ihr Leben bis jetzt bestimmt hat.

    Mattis ahnt nicht, dass Sophie ihm entlocken wird, was er vor allen anderen verbirgt. Dass er sich mit ihr so sicher fühlen wird wie noch mit niemandem zuvor. 

    Beide ahnen nicht, dass ihre Liebe sie über sich selbst hinauswachsen lassen wird.

    Roman für Mädchen ab 14

     

  •  

    1.

    Der Neue schwappt himmelblau über mich hinweg, mit Spuren von Schwarz und glitzernden Funken aus tiefem, geheimnisvollem Gold. Ich blinzele verwirrt. Diese Farbkombination hatte ich noch nie auf meinem inneren Monitor, und es gelingt mir nicht, sie einzuordnen.
    „Gott, ist der süß!“, flüstert Lena neben mir entzückt.
    „Hammer“, murmelt Vivian von schräg hinten.
    Verstohlen mustere ich den Jungen, der mir die goldblauen Wellen beschert hat: Er hat schulterlanges, schwarzbraunes Haar. Dunkle, leicht schräg stehende Augen. Lippen, die man nur als sinnlich bezeichnen kann. Groß ist er und schlank, unter seinem Shirt erahnt man die Muskeln. Zugegeben, „hammer“ trifft sein Aussehen ziemlich genau. Ich schlucke, in mein Himmelblau mischen sich Tinte und aufgeregte, hellrote Funken.
    Lässig geht er durch die Stuhlreihen nach hinten, wobei er die Blicke der anderen gar nicht wahrzunehmen scheint. Flüchtig schaue ich mich um: Die Jungs der Klasse wirken neugierig, die Mädchen hingerissen. Von seinem Gesicht, seinem Gang, den coolen Klamotten, die er trägt. Man sieht dem Neuen an, dass er aus der Großstadt kommt. Solche Shirts und Jeans bekommt man nicht in Walding, und Chucks wie die seinen sind Herrn Roser, dem Besitzer unseres einzigen Schuhladens, schon im letzten Herbst ausgegangen.
    Er schlendert an mir vorbei, ohne mich zu beachten, und setzt sich auf den einzigen freien Platz, neben Klassenstreber Fabian. Mein Herz klopft, die hellroten Funken stieben, und ich ärgere mich. Warum bringt dieser Typ mich so aus der Fassung? Er hat mich keines Blickes gewürdigt!
    Wieso auch, denke ich und kaue am Ende meines Bleistifts. Jungs wie er bemerken Mädchen wie mich grundsätzlich nicht. Ich bin nur Sophie, die Kleine mit den zu dichten Augenbrauen und dem Hang zum Irrsinn. Über Ersteres lacht die halbe Klasse. Über Letzteres nicht, weil niemand etwas von dem Farben-Chaos in meinem Inneren ahnt.
    Und das soll auch so bleiben.
    „Hey, Sophie!“, zischt Lena. „Wolltest du dir das nicht abgewöhnen? Runter mit dem Stift!“
    Ertappt lasse ich den Bleistift sinken. Ich sehe aus wie eine verängstigte Zehnjährige, wenn ich so verloren auf dem Holz herumknabbere, nicht wie die Sechzehnjährige, die ich bin. Außerdem geht meine schlechte Angewohnheit langsam ins Geld: Alle paar Tage muss ich die peinlich zerkauten Dinger austauschen.
    „Danke, Lena“, flüstere ich. „Was täte ich nur ohne dich?“
    „Einen Bleistift-Großhandel ausrauben?“, schlägt Lena vor.
    Sie lacht leise, streicht sich eine blonde Locke hinters Ohr und sieht dabei aus wie ein herzensguter, etwas zu mollig geratener Engel. Ich schaue in ihre blauen Augen, sehe die Zuneigung darin. Sofort fühle ich mich besser. Seit ich denken kann, ist Lena meine beste Freundin, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das jemals ändert. Nicht, solange sie nur meine Fassade kennt.
    „Was gibt es denn so Interessantes zu bereden, junge Damen?“, ertönt die miesepetrige Stimme von Herrn Müfflingen. Junge Damen! So nennt unser Bio-Lehrer seine Schülerinnen wahrscheinlich schon, seit er vor geschätzten hundertfünfzig Jahren an diesem Gymnasium angefangen hat. „Lena, Sophie, lasst uns doch bitte an eurer Unterhaltung teilhaben, sofern sie den Biologie-Unterricht betrifft. Wenn nicht, wovon ich wohl ausgehen muss, darf ich doch sehr um Ruhe bitten!“
    Wir schauen ihn ergeben schweigend an. Seine Augenlider zucken, wie immer, wenn er sich ärgert - und Herr Müfflingen ärgert sich oft. Nicht nur über Lena und mich.
    Er dreht sich wieder zur Tafel um und kritzelt etwas darauf. Dann schaut er noch einmal über die Schulter zu seiner missratenen Klasse. „Ach ja, euer neuer Mitschüler heißt Mattis Bending. So, und jetzt zurück zur Genetik.“
    Mattis Bending, denke ich. Mattis. Gefällt mir.
    Eine weitere glitzernde, himmelblaue Welle baut sich in mir auf, bevor sie sich an den Rändern meines Monitors bricht und langsam, ganz langsam verblasst. Seufzend beuge ich mich über mein Blatt, um mich Chromosomen und Zellkernen zu widmen.

  • Rezensionen (Auswahl):

    "'Der Geschmack von Sommerregen' von Julie Leuze ist besonders - und das in absolut jeder Hinsicht, von den Charakteren bis hin zur Handlung. Es ist eine wundervolle und emotionale Liebesgeschicht, die mich tief berührt und bewegt hat. Julie Leuze schreibt so authentisch, so echt, dass ich sprach- und atemlos an jeder Seite ihres Romans hing. Dieses Debüt ist einzigartig und unvergesslich!"
    leselurch.de

    "Julie Leuze ist eine ganz ungewöhnlich schöne, zarte Liebesgeschichte gelungen, sie schreibt in hohem Maße authentisch und einfühlsam, glaubwürdig. Und wenn man so schreiben kann, dann darf es auch über 'das erste Mal' sein - auch hier sehr offen, sehr zart, sehr einfühlsam. Ein rundum gelungenes Buch!"
    Gemeindebücherei Niefern-Öschelbronn, Jugendbuchtipp

    "Die Autorin hat hier auf einfühlsame Weise den schmalen Grat gemeistert, eine leichte, bezaubernde Liebesgeschichte in lockerem, flüssigem Ton zu schreiben, die durch ihre authentischen Protagonisten mit so viel Atmosphäre und Tiefe erfüllt ist, dass sie zu keinem Zeitpunkt in Klischees oder Kitsch abzurutschen droht. (...) Mein Fazit: 'Der Geschmack von Sommerregen' ist eine wunderschöne Liebesgeschichte für Jugendliche. Sehr einfühlsam, tiefgründig und authentisch von Julie Leuze geschrieben, mit sympathischen Protagonisten, die sich ihren Problemen stellen und ihre Liebe genießen, so ganz ohne Tabus und zum Dahinschmelzen schön."
    fantastische-lesetipps.blogspot.de

    "'Der Geschmack von Sommerregen' wirkt einfach 'echt' und hatte eine gute Balance zwischen tiefgründig und leicht. Viele Themen werden angeschnitten und jedes einzelne mit einer Feinfühligkeit behandelt, die mich wirklich beeindruckt hat. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!"
    the-cinema-in-my-head.blogspot.de

    "Ein herausragendes Buch! (...) Zwei ganz besondere Themen halten Einzug in die Geschichte: Hochsensibilität und Synästhesie. (...) Brillant schafft es Julie Leuze, die Leichtigkeit einer Liebe mit der Ernsthaftigkeit dieser Problematik zu verbinden. Es erwartet den Leser ein Roman voller Emotionen, der jedoch keineswegs kitschig ist und mit überraschend viel Erotik für ein Jugendbuch aufwartet. (...) Die Autorin schreibt offen, ehrlich und sensibel, was gerade deswegen jede Menge Authentizität bietet."
    Sonja Hackel, www.hugendubel.de/blog

    "Zuerst einmal möchte ich den fließenden, wunderbaren Schreibstil von Julie Leuze hervorheben. Voller Emotionen, Gedankenkraft und mit hin und wieder passend eingestreutem Humor lebt die Geschichte auf. Man bekommt selbst das Gefühl der ersten, richtigen Liebe zu spüren, lacht und leidet mit Sophie und Mattis. Einfühlsam und berührend entwickelt sich die Handlung auf jeder Seite weiter. Ich konnte mich in die Gedanken, Ängste und Sehnsüchte von Sophie wunderbar hineinversetzen - sie ist eine authentische junge Frau, die mit der gesamten Gefühlspalette, die das Leben bietet, zurecht kommen muss. (...) 'Der Geschmack von Sommerregen' verinnerlicht alles, was ein zauberhafter Liebesroman haben muss: Ganz viel Herz, eine wunderschöne Story, liebenswerte Figuren, eine Menge an Gefühlen und etwas Humor. Unbedingt lesen!"
    Büchereule, Rezension vom 13.07.2013

    "Eine wunderschöne Liebesgeschichte zwischen zwei Teenagern, die beide in einer Welt leben, die für die Mehrheit der Menschen unberührt bleibt. Ein grandioses Farbenspiel zwischen Liebe, Begehren, Angst, Hoffnung, Eifersucht..."
    www.buchstaben-junkie.de

    Auf Youtube:

    http://www.youtube.com/watch?v=clA7Jm1wwNw

    http://www.youtube.com/watch?v=jF6lhuHOOi4

    http://www.youtube.com/watch?v=FoeRc3MrLCc

    http://www.youtube.com/watch?v=6hZpQrx-KHc

     

     

2013

Der Duft von Hibiskus Cover

Der Duft von Hibiskus
Roman 
Goldmann, März 2013
416 Seiten, Taschenbuch,
Klappenbroschur, € 9.99
ISBN 978-3-442-47646-6

Auch als E-Book erhältlich

  • Wie weit muss man reisen, um der Wahrheit zu entkommen?

    1858: Die 22-jährige Emma Röslin reist nach Australien, wo sie den Botaniker Oskar Crusius als Pflanzenmalerin unterstützen soll. Doch das Forscherteam um den attraktiven Expeditionsleiter Carl Scheerer begegnet ihr mit Ablehnung. Vor allem Carl selbst sträubt sich dagegen, eine Frau in den gefährlichen Busch mitzunehmen. Durch ihre Klugheit und ihren Mut macht Emma sich im Team jedoch bald unentbehrlich, und Carls Bild von ihr wandelt sich grundlegend. Auch Emma empfindet längst mehr für den Expeditionsleiter. Während langer Abende am offenen Feuer wird er ihr immer vertrauter, und die Zukunft könnte  verheißungsvoll sein – wären da nicht der besitzergreifende Oskar und die dunklen Geheimnisse aus der Vergangenheit. Denn zu Hause in Süddeutschland muss vor wenigen Monaten etwas geschehen sein, das so schrecklich war, dass Emma ihr Gedächtnis verloren hat. Wie viel Schuld hat Emma auf sich geladen, von der sie nichts mehr weiß? Sie ist entschlossen, die Tür zur Vergangenheit endlich aufzustoßen, und erhält dabei unerwartete Hilfe vom Aborigine Birwain.

    Womit Emma nicht gerechnet hat: Sie muss sich nicht nur der Erinnerung an eine zerstörerische Liebe stellen, sondern auch deren tödlichen Folgen …

  • Emma warf sich in ihrem schmalen Bett hin und her, ohne Schlaf zu finden. Die bevorstehende Ankunft beschäftigte sie, und sie spürte, wie sich Angst in ihr ausbreitete. Was erwartete sie in ihrem neuen Leben? War es wirklich richtig gewesen, alles so weit zurückzulassen?
    Ihre Gedanken wanderten zurück nach Stuttgart, zu der Verzweiflung, die ihrem Erwachen aus der Bewusstlosigkeit gefolgt war. In ihrer Erinnerung hatte eine drei Tage lange Lücke geklafft wie eine blutige Wunde, und niemand hatte ihr helfen wollen, sie zu schließen. Mehr noch: Niemand hatte auch nur mit ihr gesprochen.
    Emma hatte sich bis zur Erschöpfung bemüht, ihr Gedächtnis wiederzufinden, doch es war vergebens. Sie kam zu dem Schluss, dass das, was geschehen war, so schrecklich gewesen sein musste, dass etwas in ihr die Erinnerung daran unwiderruflich gelöscht hatte. Geblieben war nur das diffuse Gefühl ungeheurer Schuld, und gerade weil es so wenig greifbar war, machte es sie in ihren schlaflosen Nächten fast verrückt. Doch so sehr sie sich auch den Kopf zermarterte – der Anlass für das Schuldgefühl blieb in den Tiefen ihrer Seele verborgen. Sie wusste nur noch, dass sie sich auf den Klavierunterricht bei Ludwig vorbereitet hatte, und dann – nichts mehr.
    Emmas Gedächtnisverlust war das eine; die rätselhafte Veränderung, die sie an ihrem Vater wahrgenommen hatte, das andere. Er, zu dem sie ein solch herzliches Verhältnis gehabt hatte, wechselte seit ihrem Erwachen kein Wort mehr mit ihr. Auch die Dienstmädchen hatte Herr Röslin angewiesen zu schweigen, und auf Emmas wiederholte Frage, was denn um Himmels willen geschehen sei, bekam sie nur stumme Verachtung zur Antwort. Sie wurde behandelt wie eine Gefangene: Der Vater verbot ihr auszugehen, Briefe zu schreiben, Freundinnen zu empfangen, ihren Klavierunterricht fortzusetzen. Ludwig kam nicht mehr ins Haus und machte auch sonst keinerlei Anstalten, mit Emma in Kontakt zu treten. Und da sie nicht alleine hinaus durfte – wenn überhaupt –, war es ihr unmöglich, mit ihm zu sprechen.
    Anfangs war sie zu schwach, um sich darüber zu grämen, doch als ihre Kräfte zurückkehrten, empfand sie die Situation als unerträglich. Fieberhaft überlegte sie, wie sie ihrem Gefängnis entkommen konnte. Doch jeder Ausweg, den sie in Gedanken durchspielte, endete in derselben Sackgasse: Wenn sie tatsächlich fliehen wollte, würde sie heimat- und mittellos auf der Straße landen. Ohne Referenzen und ohne geordnete Familienverhältnisse würde niemand sie einstellen, weder als Kindermädchen noch als Hausmädchen, wahrscheinlich nicht einmal als Küchenhilfe. Nein, so ging es nicht.
    Aber wie dann?
    Sie litt sehr darunter, dass sie sich mit niemandem austauschen konnte. Allein in ihrem Zimmer, drehten Emmas Gedanken sich unaufhörlich im Kreis, doch sie kam einer Lösung ihrer Probleme keinen Schritt näher. Auch von ihrer Mutter konnte sie keine Hilfe erwarten: Frau Röslin war ohne Abschied abgereist, Gott allein wusste wohin, und Emma erfuhr weder wo sie sich aufhielt noch wann sie zurückzukommen gedachte. Sie schien Emma also noch mehr zu grollen als der Vater. Emma vermisste ihre Mutter fast ebenso stark wie sie Ludwig vermisste. Nach mir hingegen, dachte sie oft verzweifelt, sehnt sich offensichtlich niemand.
    Erst als eines Abends im Frühling der ehrgeizige Forscher und Botaniker Oskar Crusius zu Gast war, dessen Besuch eine hohe Ehre für Herrn Röslin bedeutete, wendete sich das Blatt. Herr Crusius bemerkte nichts von der frostigen Stimmung, die im Hause Röslin herrschte, und fing an, charmant mit Emma zu plaudern. Er fragte Emma nach ihrer liebsten Beschäftigung, lobte sie für ihr botanisches Interesse und ließ sich ihre Pflanzenzeichnungen zeigen. Scherzhaft schlug er vor, das „hübsche und begabte Fräulein Röslin“ statt seines erkrankten Assistenten mit nach Australien zu nehmen. Er, Crusius, sollte dort im Auftrag des Hamburger Reeders und Überseekaufmanns Cesar Godeffroy unbekannte Pflanzen sammeln. Er musste sie zeichnen, konservieren und nach Deutschland verschicken. Godeffroy wolle seine naturkundliche Sammlung nämlich zu einem Museum erweitern, ferner wolle er die Dubletten der konservierten Pflanzen verkaufen.
    „Ich bin“, sagte Herr Crusius, „schon einige Jahre lang für Godeffroy in der Welt unterwegs, und das höchst erfolgreich. Doch leider“, er zwinkerte Emma zu, „mangelt es mir an Zeichentalent, sodass ich stets auf die Hilfe eines kundigen Assistenten angewiesen bin. Na, Fräulein, Röslin, wie wäre es? Hegen Sie keine romantischen Sehnsüchte nach fernen Ländern?“
    Emma spürte den Blick ihres Vaters und wagte es zum ersten Mal seit Wochen, ihn offen zu erwidern. Doch was sie in seinen Augen sah, erschreckte sie. Denn sie fand keine Liebe, sondern Hass.
    Er würde mich nur allzu gerne am anderen Ende der Welt wissen, fuhr es ihr durch den Kopf. Und in genau diesem Augenblick traf sie ihre Entscheidung.
    Spontan sagte sie: „Einverstanden. Ich komme mit Ihnen, Herr Crusius. Ich zeichne schon lange Heilkräuter für meinen Vater, und ich werde mir alle Mühe geben, Sie nicht zu enttäuschen.“
    Herr Crusius hatte die Augenbrauen hochgezogen und sie erstaunt gemustert. Doch da von Herrn Röslins Seite kein Wort des Protests gekommen war und Emma ihre Zustimmung offensichtlich ernst gemeint hatte, war es eine Sache von nicht einmal einer Stunde gewesen, den Handel perfekt zu machen. Die Herren hatten sich zurückgezogen, und als es Emma erlaubt worden war, wieder zu ihnen zu stoßen, hatte sich alles geändert: Sie war nicht länger die Gefangene ihrer eigenen Eltern, sondern bezahlte Assistentin des Herrn Oskar Crusius.
    Und damit vollkommen allein verantwortlich für ihr zukünftiges Leben.

    Die unverhoffte Befreiung aus ihrer Gefangenschaft war ihr wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen. Nun jedoch, wo sie Herrn Crusius in einem fremden Lande wiedersehen sollte, stieg Panik in Emma hoch. Sie lag auf ihrem schmalen Bett und starrte an die dunkle Decke ihrer Kajüte. Hatte sie ihre botanischen Kenntnisse überschätzt? Würde sie Herrn Crusius’ hohen Erwartungen an ihr zeichnerisches Können genügen? Hätte er nicht doch lieber einen Wissenschaftler wählen sollen? Vielleicht würde er sie nach den ersten Wochen zornig und enttäuscht entlassen, um sich einen fähigeren Assistenten zu suchen – und wohin sollte sie dann gehen, an wen sich wenden, wovon leben?
    Der Vogelschwarm in Emmas Kopf flatterte aufgeregter denn je umher, an Schlaf war nicht zu denken. In der Schwärze der Nacht wünschte sie sich nichts sehnlicher, als ihr Verbrechen, worin auch immer es bestand, ungeschehen machen und wieder in ihr altes Leben schlüpfen zu können – wie in ein Kleid, das alt, gemütlich und vertraut war.
    Die Erinnerung an Stuttgart und die Eltern, denen sie vor so kurzer Zeit noch in gegenseitiger Liebe verbunden gewesen war, legte sich über Emma wie ein grauer Schleier. Der lang unterdrückte Jammer brach sich Bahn, und sie schluchzte heiser auf. Sie hatte sich nicht von ihrer Mutter verabschieden können, sie hatte keine guten Reisewünsche ihres Vaters erhalten, und sie würde ihre Eltern höchstwahrscheinlich niemals wiedersehen.
    Und das Schlimmste von allem: Ihre Mutter und ihr Vater waren offensichtlich froh darüber.

  • "Eine weitere Auswanderersaga, möchte man seufzen, aber wenn sie alle so gut wären wie 'Der Duft von Hibiskus', dann dürfte diese momentane Welle gerne niemals enden. Julie Leuze kombiniert die flirrende Hitze und entbehrungsreiche Reise durch den Busch mit einer informativen Hintergrundhandlung um Botanik und Pflanzen. Dabei gefällt besonders ihre Protagonistin, die weit davon entfernt ist, sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen.  Behutsam zeigt die Autorin Emmas innere Kämpfe mit ihren Dämonen und ihrer Unsicherheit, ohne dass sie schwach oder hilflos wirkt. (...) Hinzu kommt die bis zum Schluss packende Geschichte um Emmas Vergangenheit, die für einige Überraschungen sorgt."
    LoveLetter-Magazin, April 2013

    "... wer entdeckt nicht gern auch neue Autoren. Da hilft in der Regel nur Anlesen und so hat es Julie Leuze mit ihrem Roman 'Der Duft von Hibiskus' bereits mit wenigen Seiten geschafft, dass ich mich gerne auf ein Abenteuer mit ihr eingelassen habe.
    Von Beginn an überzeugt sie mit einem flüssigen, angenehm zu lesenden, aber nicht schlichten Sprachstil. Die Verbindung von Auswandererroman und Familiengeheimnis macht neugierig auf das kommende Geschehen und Julie Leuzes Erzählstil führt dazu, dass man spätestens im zweiten Kapitel das 'Land in Sicht' förmlich zu hören glaubt. (...)
    'Der Duft von Hibiskus' ist ein leichter, interessanter Unterhaltungsroman, der besonders mit den Sprach- und Erzählfertigkeiten der Autorin überzeugt, und der Freunden des Genres uneingeschränkt empfohlen werden kann."
    Büchereule, Rezension vom 23.03.2013

    "Schöne Geschichte, gut zu lesen. Bitte meeeehr davon."
    amazon-Leserrezension

2013

Selig am See Taschenbuch von Julie Leuze Silberburg 2013

Selig am See
Roman
Silberburg-Verlag, März 2013
208 Seiten, kartoniert, € 12.90
ISBN 978-3842512412
Auch als E-Book erhältlich

  • Selig am See – schön wär’s!

    Die hübsche Sozialpädagogin Sarah will nur eines: ein harmonisches, geregeltes Leben in Konstanz am Bodensee. Gar nicht so leicht zu erreichen, wenn man einen chronisch untreuen Künstler als Freund hat und in einem Kindergarten arbeitet, in dem die Eltern genauso durchgeknallt sind wie ihr Nachwuchs.

    Dass Sarah sich Hals über Kopf in den verheirateten Paul verliebt, macht das Ganze nicht einfacher. Eine glückliche Familie zerstören? Das würde Sarah niemals fertigbringen! Wenn da nur nicht dieses hartnäckige Gefühl wäre, dass der ebenso unnahbare wie attraktive Paul genau der Richtige sein könnte …

    Während Sarah sich noch verzweifelt gegen die Liebe wehrt, vergnügt ihr Freund sich in aller künstlerischen Unschuld mit seinem backfreudigen Aktmodell. Konstanzer Zipfele, griechische Götter und eine badische Nymphomanin zerren ebenso an Sarahs Nerven wie die Intrigen, die im Kindergarten gegen sie geschmiedet werden. Und schließlich hebt ein dunkles Geheimnis Sarahs Welt endgültig aus den Angeln …

  • Ich war mit meinem Leben absolut zufrieden, doch, ganz ehrlich. Hatte ich nicht allen Grund dazu? Schließlich war ich eine Frau im besten Alter, nämlich siebenundzwanzig, ich hatte einen charmanten und talentierten Künstler als Freund, einen gut bezahlten Job als Erzieherin in einem privaten Kinderladen und eine hübsche Wohnung mit verwunschenem Garten. Außerdem wohnte ich dort, wo andere Urlaub machen: in Konstanz am Bodensee, auf dem malerischen Raiteberg im Stadtteil Petershausen. Wenn ich morgens zum Kinderladen lief, passierte ich auf meinem Weg oberhalb der Weinberge nicht nur den altehrwürdigen Bismarckturm, sondern konnte in der Ferne sogar die Schönheit der Schweizer Alpen bewundern. Okay, nur an sehr klaren Tagen und nur, wenn ich nicht allzu sehr in Eile war, aber trotzdem: Zumindest theoretisch war es mir vergönnt, Natur und Kultur schon auf dem Arbeitsweg zu genießen. Das war doch was! Das hatte nicht jeder! Ich konnte also nicht nur zufrieden sein, sondern sogar glücklich.
    Das war es, was ich mir an guten Tagen sagte.
    Dieser Montag war kein guter Tag.
    Dabei fing alles ganz harmlos an. Wie immer blieb Rob liegen, als der Wecker klingelte, und wie immer gab ich ihm einen vorsichtigen Kuss auf die nackte Schulter, bevor ich aufstand, um mich für den Kinderladen fertigzumachen. Doch statt »Bis heute Abend« zu flüstern und wieder ins Koma zu fallen, öffnete Rob an diesem Morgen sein linkes Auge.
    »Hab eine Überraschung für dich«, murmelte er. »Im Wohnzimmer. Hab die ganze Nacht daran gearbeitet.« Das Auge klappte wieder zu.
    Von bösen Vorahnungen getrieben, sprang ich aus dem Bett. Überraschungen von Rob hatten es an sich, dass sie entweder extrem teuer waren (von meinem Geld bezahlt, denn Rob war ja Künstler und verdiente noch nichts mit seiner Kunst) oder experimentell bis zerstörerisch (denn Rob war ja Künstler und musste seine Visionen verwirklichen). Eine günstige, konventionelle Überraschung – wie etwa einen Strauß Wiesenblumen oder ein neues Gartenbuch – hatte Rob mir noch nie gemacht, und deshalb nahm ich mir nun nicht die Zeit, einen Morgenmantel überzuziehen. Nackt und panisch hastete ich durch den Flur in Richtung Wohnzimmer. Dann sah ich es.
    »Mein Paravent!«, schrie ich und schlug mir entsetzt die Hand vor den Mund.
    Umgeben von Acrylfarbtuben und steif verklebten Pinseln, die sich fest mit dem Parkettboden verbunden hatten, stand der Jugendstil-Paravent, den ich im letzten Sommer auf dem Flohmarkt erstanden hatte. Der Paravent war so wunderschön, dass ich den horrenden Preis des listigen Verkäufers bezahlt hatte, ohne nachzudenken oder zu feilschen. Das dunkle Holz war mit Pergament bespannt und mit Applikationen aus Messing und getriebenem Kupfer versehen – ein orientalisch anmutender Traum in Goldgelb und Schwarzbraun.
    So jedenfalls hatte das Möbelstück bis gestern Abend ausgesehen.
    Fassungslos starrte ich auf die dralle Nackte in Grün und Lila, die mir nun vom Mittelstück des Paravents aus zulächelte. Ihr Gesicht bestand lediglich aus einem grasgrünen Fleck mit Grinsemund, dafür war der Körper sehr plastisch und, wie mir schien, mit Tonnen von Farbe ausgearbeitet worden. Die Flügel des Paravents hatte Rob ebenfalls bemalt: Den linken zierten lila Katzen und den rechten geometrische Formen, die ich spontan als anstößig empfand.
    »Gefällt es dir?«, fragte Rob hinter mir und schlang die Arme um mich. Offensichtlich hatte mein Schrei ihn doch noch gänzlich geweckt.
    »Das war ein Carlo Bugatti-Paravent«, sagte ich schwach. »Weißt du, wie lange ich nach so einem gesucht habe?«
    »Hat sich doch auch gelohnt«, sagte Rob zufrieden und küsste mein Ohrläppchen. »Das ist jetzt ein doppeltes Original: ein ›Carlo Bugatti – Rob Lohmann‹. Stilechter kann man das Wohnzimmer vom Atelier kaum trennen, oder?«
    Ich drehte mich um und wollte ihm einen heftigen Vorwurf ins Gesicht schleudern. Wie kam er dazu, mein herrliches Möbelstück zu versauen, noch dazu, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen?!
    Doch als ich in seine vor Stolz strahlenden Augen blickte, schluckte ich den Vorwurf hinunter.
    So ist es eben, wenn man einen Künstler als Freund hat, fuhr es mir durch den Kopf.
    Robs rührend ungekämmte Locken und die Tatsache, dass wir beide nichts anhatten, taten ein Übriges, meine Wut zu dämpfen, und statt zu schimpfen, schmiegte ich mich seufzend an ihn. Rob war so naiv in seinem Schaffensdrang, dass er sich bei Aktionen wie dieser einfach keiner Schuld bewusst war.
    »Es ist ein sehr … ausdrucksstarkes Bild«, sagte ich. »Aber kannst du nicht einfach eine Leinwand nehmen, wenn du malen willst? Müssen es immer meine Möbel sein?«
    »Das verstehst du nicht, Süße«, murmelte sein weicher Mund in meinem Haar. »Künstler richten sich nicht danach, was praktisch ist. Sondern danach, was sie inspiriert.«
    »Verstehe. Und dich inspirieren nun mal Paravents und nackte Frauen.«
    »Genau.« Seine Hände strichen meine roten Locken hinab, die mir fast bis auf die Hüften fielen. »Nackte Frauen inspirieren mich auf vielfältige Weise. Willst du nicht zurück ins Bett kommen?«
    Verlockende Vorstellung – aber der Kinderladen wartete. Widerstrebend schob ich Rob ein Stückchen von mir weg. »Falls du es vergessen haben solltest: Ich habe eine Arbeit, zu der ich pünktlich erscheinen muss.« Ich warf einen Blick über seine Schulter hinweg auf meine große, alte Bahnhofsuhr, ein weiteres Flohmarktschnäppchen. Sanft machte ich mich von Rob los. »Und diese Arbeit beginnt in genau 45 Minuten. Deshalb werde ich jetzt nicht mit dir ins Bett springen, sondern allein unter die Dusche.«
    »Na gut. Ich bin dir nicht böse.« Rob zuckte mit den Schultern. »Einer muss ja schließlich das Geld verdienen.«

  • "Julie Leuze schreibt sehr geistreich und humorvoll, niemals platt oder auf einen billigen Lacher aus. Sie kann mit Sprache umgehen und beherrscht die Kunst, völlig absurde Situationen so zu beschreiben, dass der Leser das Gefühl hat, dabeizustehen und das Geschehen als Beobachter zu verfolgen. Die Personen sind bis in die kleinste Nebenrolle sehr stimmig angelegt (...). Mir hat die Lektüre von 'Selig am See' großen Spaß gemacht und ich empfehle es gerne jeder Leserin, die auf der Suche nach einer leichten Sommerlektüre ist."
    amazon-Leserrezension

    "Lustige, komische, seltsame Szenen, die einen hellauf lachen lassen (...). Auch die Romantik kommt nicht zu kurz."
    www.lovelybooks.de

    "Die Begegnung mit dem Aktmodell Imperia, die durchgeknallte Mutter Robs, die Enthüllungen Lydias in der Telefonberatung machen das Buch zu einem Lesespaß für Frauen. Leichte Leselektüre, gerne empfohlen."
    ekz, 21/2013

2012

Killesberg Kiss
Roman 
Silberburg-Verlag, März 2012
240 Seiten, kartoniert, € 12.90
ISBN 978-3-8425-1183-5
Auch als E-Book erhältlich

  • Auf dem Killesberg, da gibt’s koi Sünd‘? Von wegen!

    Wir sind es uns wert, denken sich die Damen auf dem noblen Stuttgarter Killesberg – und leisten sich nicht nur anregende Lehrstunden in kosmischer Liebe durch den spirituellen Berater Francesco. Auch für ihre haarigen Lieblinge darf es nur das Beste sein:
    Die frischgebackene Tierheilpraktikerin Luna soll mit Globuli, Farblichttherapie und Akupressur für das ganzheitliche Wohl der Vierbeiner sorgen.
    Luna stürzt sich mit Feuereifer und Idealismus in die Arbeit. Bis TV-Tierarzt David auftaucht und ihr im Handumdrehen die Kundinnen ausspannt. Das ärgert Luna – und noch mehr ärgert es sie, dass sie dem charismatischen David keine drei Sekunden in die Augen schauen kann, ohne weiche Knie zu bekommen. Dabei ist es doch gar nicht David, sondern Francesco, mit dem Luna durch einen Besuch in der Diskothek Perkins Park schicksalhaft verbunden ist!

    Während Luna sich zwischen nackten Schopfhunden und neurotischen Wellensittichen mit ihren Gefühlen und der Sorge um die nächste Mietzahlung herumschlägt, eilen ihr Tierkommunikatorin Simone und Psychoanalytikerin Harriet beherzt zu Hilfe. Schließlich, so finden die Freundinnen, muss auch Luna irgendwann mal auf einen grünen Zweig kommen!
    Das allerdings sieht nicht nur Davids schöne Ehefrau ganz anders …

  • „"Killesberg Kiss" ist ein amüsantes Lesevergnügen, locker, spritzig und lebendig geschrieben und durchdrungen von funkensprühendem Witz (z. B. Lunas Gedanken zu Schüssler-Salzen, die ihr bei den unpassendsten Gelegenheiten durch den Kopf schießen: "... und mein Herz wurde weit — so weit, dass es schon nicht mehr gesund sein konnte. Schüssler Salz ,Calcium fluoratum` besorgen, notierte ich mir im Geiste. Dieses Salz half bei Herzerweiterung so gut wie immer.") Auch Simones Unterhaltungen mit der heimischen Tierwelt — seien es die Überlegungen einer neurotischen Hundedame zum Liebesleben ihres Frauchens oder die Ansichten eines Hirschkäferweibchen(!) — gehören zum Originellsten und Lustigsten, das ich je gelesen habe.“
    amazon-Leserrezension

    „Ich habe Killesberg Kiss in einem Rutsch gelesen, schmunzelnd, gerührt und gespannt. Witzige Szenen, in denen es um gutaussehende Meditationslehrer, kosmischen Sex oder eine gnadenlos komische Kommunikation zwischen einer bodenständigen Schwäbin und einem Hirschkäfer geht, wechseln mit romantischen und herzerwärmenden Liebeszenen — es prickelt zwischen Held und Heldin und man verfolgt das Auf und Ab ihrer Liebesgeschichte mit angehaltenem Atem.
    Sehr schön finde ich, dass wir, obwohl wir mit der Heldin und ihren Berufs- und Liebeswirren mitfiebern dürfen, auch einen kleineren Teil der Geschichte aus der männlichen Perspektive präsentiert bekommen, was den Roman noch abwechslungsreicher macht.“
    amazon-Leserrezension

    „(...) Killesberg Kiss ist ein Roman der Sorte 'einmal angefangen, nicht mehr weg gelegt'. Tierisch romantischer Lese-Spaß zwischen Nackt-Schopfhund und Mann fürs Leben.“
    nic4u.wordpress, 25.4.2012

  • Natürlich hilft Wiener Klassik! Sogar Kühe geben mehr Milch, wenn sie Mozart hören. Weiß dieser Viehdoktor das denn nicht? ›Miss Mozart‹ – pah!
    Missmutig ließ ich mein Buch sinken. Es war zehn Uhr abends, Moritz schlief selig in seinem Bettchen, doch die wohlverdiente Entspannung wollte sich einfach nicht bei mir einstellen. Ich saß im Sessel, las gerade zum vierten Mal den ersten Absatz von Seite 31, und immer wieder kamen mir meine trüben Gedanken in die Quere. Ein ums andere Mal tauchte David vor meinem inneren Auge auf und flüsterte mir leise zu: »Deine Kunden werden meine sein! Bald, bald ...«
    Es hatte keinen Sinn. Über Seite 31 würde ich heute Abend nicht mehr hinauskommen. Ich stand auf und ging zum Schreibtisch, der mitsamt PC und Drucker in einer Ecke des Wohn-Schlaf-Arbeitszimmers stand. Brechend volle Bücherregale säumten meinen kurzen Weg. Die wenigen freien Stellen an den Wänden wurden von Fotos von Moritz gesäumt sowie von mehr oder weniger abstrakten Bildern, die er im Kindergarten gemalt hatte. Es war ein gemütlicher Raum – aber es war auch verdammt eng.
    Ein Zimmer nur für mich hatte ich nicht, dafür nannte Moritz ein Kinderzimmer sein eigen, und die meiste Zeit verbrachten wir sowieso außer Haus: Ich bei der Arbeit, er im Ganztages-Kindergarten. Und nach Feierabend trafen wir unsere Freunde im Hof.
    Nein, verschwenderischen Luxus konnte man uns wirklich nicht vorwerfen. Und manchmal haderte ich schon damit, dass in unsere kleine Wohnung beim besten Willen keine Haustiere passten. Ein Hund, ein Kätzchen, ein Kaninchenpaar … das hätte mir gefallen.
    Und trotzdem: Ich war mit meinem Leben zufrieden. Seit ich als Tierheilpraktikerin arbeitete, fiel mein Einkommen zwar geringer aus als zu Bibliothekszeiten, aber es reichte. Gut, große Sprünge waren nicht drin, in den Urlaub fuhren wir selten bis nie, und manchmal wünschte ich mir, Moritz’ Vater würde sich ein bisschen am Unterhalt seines Kindes beteiligen. Aber das war unmöglich, schließlich kannte ich ihn ja gar nicht. Und er selbst hatte keine Ahnung, dass er einen kleinen Sohn hatte …
    Wenn ich an diesem Punkt meiner Überlegungen angekommen war, tröstete ich mich an guten Tagen damit, dass Moritz ein solch wundervolles Kind war, dass mein Fehltritt vor knapp fünf Jahren ganz einfach Schicksal gewesen sein musste.
    An weniger guten Tagen war mir der One-Night-Stand, aus dem er entstanden war, immer noch entsetzlich, grässlich, megamäßig peinlich. Und ich haderte mit der Frage, was ich Moritz später einmal sagen sollte, wenn er mich nach seinem Vater fragen würde.
    »Tja, im Moment hast du allerdings ganz andere Sorgen, meine Gute«, sagte ich grimmig zu mir selbst und schaltete den Computer ein. »Und die größte von ihnen heißt David Herren.«
    Während der Computer hochfuhr, sann ich trübe über meine berufliche Selbständigkeit nach. Eigentlich hatte sie sich gut angelassen, waren Tierärzte im Stuttgarter Norden doch rar gesät. Es gab zwar welche, doch sie machten keine Hausbesuche – im Gegensatz zu mir. Ich war zwar »nur« Tierheilpraktikerin, aber dafür waren meine Methoden etwas Besonderes. Bei der erlebnishungrigen Killesberg-Society jedenfalls kamen sie gut an.
    Aber das hatte sich nun geändert, meine Monopolstellung war dahin. Irgendetwas musste diesen neuen Tierarzt auszeichnen, dass Frau Becker mir so unverfroren die Treue aufgekündigt hatte. War es die Tatsache, dass auch er die Tiere zu Hause behandelte? Bei meinem unrühmlichen Abgang heute Vormittag hatte ich die Aufschrift »Mobile Tierarztpraxis« auf Davids Kombi gesehen. Oder hatte sich vielleicht herumgesprochen, wie unglaublich gut der neue Tierarzt aussah? Hm, dann hatte ich allerdings ein Problem. Denn fast alle meine Kunden waren Kundinnen, und sie waren nur so reich, weil ihre Männer 80 Stunden in der Woche arbeiteten. Außer Haus …
    Ich presste die Lippen aufeinander. Entschlossen ging ich ins Internet, rief die Google-Seite auf und tippte »David Herren« ein. Mal sehen, was der Typ vorher gemacht hatte. Aus dem Nichts konnte er ja schließlich nicht kommen. Vielleicht war er bloß ein mittelmäßiger Landtierarzt, der aufgrund seiner Misserfolge nach Stuttgart hatte fliehen müssen. Viel heiße Luft und nichts dahinter. Ja, wahrscheinlich war es so. Ganz sicher war es so! Ha, das wäre doch gelacht, wenn ich es mit dem nicht aufnehmen könnte!
    »… Bestseller von David Herren, dem bekannten … «, sprang mir vom Bildschirm entgegen. Nein, Autor war er nicht, da ging es wohl um einen anderen David Herren. Weiter. »… David Herren, Praxis in Berlin …«. Berlin? Nö, von so weit her war er bestimmt nicht gekommen. Außerdem hatte er keinen Berliner Dialekt. Weiter. »… David Herren, ›Rat vom Promi-Tierarzt‹, 19.90 € …« Hm. Weiter. »… Seminar von David Herren ist leider ausgebucht …« – Hm. Hm. Hm. »… exklusive Homestory: So wohnt Tierarzt David Herren, der attraktive …« – »… wieder einmal bewiesen, dass David Herren unsere tierischen Gefährten zu heilen versteht wie kein anderer …« – »… sagte David Herren auf dem Presseball, dem gesellschaftlichen Top-Event der Hauptstadt …« –»… endlich auch im Fernsehen zu bewundern! Der charismatische David Herren im rbb, Ihrem Sender für die Region Berlin-Brandenburg …«
    Erschlagen starrte ich auf den Monitor. Das war David Herren? All das? Oder war er vielleicht nur einer von den ganzen David Herrens? Ja, so muss es sein, sprach ich mir rasch Mut zu. Er ist nur Buchautor! Oder nur Promi-Tierarzt. Seminarleiter. Lokaler Fernsehstar.
    Hektisch klickte ich mich weiter durch die Informationen, las mich durch Zeitungsartikel und schwärmerische Beiträge in Tierhalter-Foren. Bis ich die Homepage von Davids Fanclub fand.
    Der Mann hatte einen Fanclub?!
    Ich öffnete die Seite. Seine Husky-Augen leuchteten mir entgegen, und es gab nicht den geringsten Zweifel: Er war es. Alles.
    Er war der David Herren. Der berühmte Tierarzt mit der florierenden Praxis in Berlin. Mit dem Kundenstamm, der alles umfasste, was in der Hauptstadt Rang und Namen hatte. Mit der Liste von Buchveröffentlichungen, die alle zu Bestsellern geworden waren. Mit der beeindruckenden Präsenz in sämtlichen Berliner Medien. Und mit diesen erstaunlichen Heilungserfolgen, die ihn von allen anderen Tierärzten abhoben.
    Und der sollte nun mein Konkurrent werden.
    Panisch klickte ich weitere Seiten an. Überall derselbe Tenor: David Herren war der Star der Berliner Tierhalter-Szene. Seine Bemühungen waren stets von Erfolg gekrönt, seine Ratschläge Gold wert, seine Medienauftritte ein Erlebnis. Und als er beschlossen hatte, »aus persönlichen Gründen« von Berlin nach Stuttgart zu ziehen, trauerten ihm seine Fans – tierische wie menschliche – untröstlich nach. Das jedenfalls wusste eine große Berliner Zeitung zu berichten, und nach allem, was ich bisher über David gelesen hatte, schien es auch die einzig logische Reaktion zu sein.
    Wie im Traum schaltete ich den Computer aus. Ich blieb unbeweglich davor sitzen und starrte auf den schwarzen Bildschirm.
    Die letzten Monate zogen wie ein Film an mir vorbei: Tiere, die ich heilen konnte, mal mit Globuli, mal mit Edelsteinen, mal mit farbiger Bestrahlung. Andere Tiere, bei denen ich unsicher war und die schließlich immer kränker wurden, so dass ich sie an einen Tierarzt überweisen musste. Tja, so war das Leben – Erfolg und Misserfolg, Selbstvertrauen (selten) und Selbstzweifel (oft) wechselten sich miteinander ab. Ich kannte meine Grenzen, und ich hatte immer geglaubt, auch Fehlschläge seien normal.
    Bis gerade.
    Denn im Lichte der überwältigenden Leistungen dieses Tierarztes erschien mir meine gesamte Arbeit als null und nichtig. Was war ich, Luna Jacobs, verglichen mit einem Dr. David Herren?
    Ich bin eine alleinerziehende Mutter, die depressive Nackthunde aufmuntert und dann ihr Honorar vergisst, fuhr es mir durch den Kopf. Eine Spinnerin, die auf den Wert eines zweifelhaften Lehrgangs pocht. Die stolz ist auf ein Zertifikat, das aussieht, als habe es die Ausbildungsleiterin selbst gemalt. Ich bin ein blindes Huhn, das manchmal ein Korn findet, und manchmal eben nicht. Das war’s. Kein Hochschul-Studium, keine Buchveröffentlichung, keine Promi-Kunden, keine Fernsehberichte. Und eine Zeitung hat auch noch nie über mich geschrieben.
    Ich schloss die Augen und ließ den Kopf vornüber auf die Tastatur fallen. Einige Minuten lang gab ich mich stumm der Hoffnungslosigkeit hin, dann stand ich langsam auf und schlurfte in Richtung Badezimmer.
    Aus dem Spiegel starrte mich eine Frau mit ziemlich verzweifeltem Gesichtsausdruck an. Kein Wunder: Ich hatte eine seltsame Frisur, trug ein altes Schlabber-Shirt, und David, der Star unter den Tierärzten, verachtete mich. Er würde mir alle Kunden abspenstig machen, und es würde ihn nicht mehr als ein Lächeln kosten, meine Existenz zu zerstören. Ich wäre gezwungen, wieder als Bibliothekarin zu arbeiten, und mein Lebenstraum wäre geplatzt. Klar, ich hätte wieder einen normalen Beruf. Aber was hatte Simone gestern gesagt?
    »Es gibt nur eine Berufung.«
    In meinem Hals bildete sich ein dicker Kloß, und ich wusste, ich würde ihn nicht hinunterschlucken können.
    Zeit, ins Bett zu gehen.

2010

Gsälz auf unserer Haut Cover

Gsälz auf unserer Haut
Roman von Julie Leuze und Olaf Nägele
Silberburg-Verlag, Juli 2010
280 Seiten, kartoniert, € 12.90
ISBN 978-3-87407-983-9

  • Eigentlich ist eine neue Liebe das Allerletzte,

    wonach Biene Wierokat sucht. Schließlich hat ihr Mann sie gerade verlassen, ihre ersten Schritte in Richtung Selbstständigkeit gleichen eher einem Stolpern, und das exzentrische Au-pair Evica hat ihre ganz eigenen Vorstellungen davon, wie Bienes Tochter Lilly zu erziehen ist. Doch dann lernt Biene den attraktiven Werbetexter Martin Pfänder kennen. Ein wahrer Traumprinz - oder doch eher ein zynischer Womanizer? Das herauszufinden fällt Biene nicht leicht, muss sie sich doch mit anonymen Briefen, einer rothaarige Zicke mit Faible für goldene Wasserhähne und ihrer esoterischen Freundin Susanna herumschlagen, deren kosmische Weisheit sich in dem Rat erschöpft: Ab in die Tonne mit dem Kerl! Martin kämpft unterdessen mit seinem cholerischen Chef Köbele, vielfältigen erotischen Versuchungen und nicht zuletzt mit sich und seiner Vergangenheit. Kann das Liebe werden?!

    Julie Leuze und Olaf Nägele erzählen diesen launigen Frauen-Männer-Roman aus zwei Perspektiven und verleihen den Hauptfiguren einen jeweils eigenen Ton. Humorvoll, sinnlich und manchmal — schwäbisch!

  • „Dieses wunderbare Wechselspiel der Geschlechter mit ihren doch typischen Gedanken (man fühlt sich doch öfters ertappt, frau auch!) macht einfach Spaß und gute Laune.“
    amazon-Leserrezension

    „Eigentlich wollte ich das Buch einer Freundin schenken, die Frauenromane verschlingt. Doch dann habe ich angefangen darin zu lesen und konnte es nicht mehr beiseite legen. Die unterschiedlichen Perspektiven von Martin und Biene auf ein und dieselbe (Liebes-)Geschichte machen "Gsälz" zum besonderen Lesespaß.“
    amazon-Leserrezension
     

  • »Ja, Herrschaftszeita, gibt’s bei denne nix Rechts zom Essa. Alloi um die Kart zom Lesa, brauchsch ja an Übersetzer.« Missmutig ließ Robert die Speisekarte sinken. »Sauerkraut-Ritschert, Fisolen und Apfelkren – wer verstoht denn so ebbes?«
    »Ich zum Beispiel«, sagte ich. »Es ist österreichisch, wie das ganze Restaurant hier. Waren Sie noch nie in Österreich, Robert?«
    »Kannsch ruhig au du ond Bär zu mir sage«, brummte Robert. Dabei warf er mir einen Blick zu, der eher zu einer Morddrohung gepasst hätte.
    »Also gut, ähm, Bär, warst du noch nie in Österreich?«, fragte ich.
    »Noi, war i net. Was soll i denn do?«
    »Österreich ist doch schön«, sagte Martin. »Zum Beispiel Wien, mit seinen prachtvollen Bauten und diesem lässigen Schmäh …«
    »Oder Salzburg«, warf ich eifrig ein. »Ich habe da 2008 den >Jedermann< gesehen, das war herrlich.«
    »Echt? Ich war 2008 auch da. Seit Jahren endlich mal wieder«, sagte Martin.
    »Was für ein Zufall!« Ich schüttelte lächelnd den Kopf. »Vielleicht sind wir uns ja sogar über den Weg gelaufen.«
    Martin schaute mir tief in die Augen. »Das kann nicht sein, daran würde ich mich erinnern. Du wärst mir hundertprozentig aufgefallen.«
    Ich wurde ein bisschen rot.
    »Mir wird gleich schlecht«, knurrte Gesa.
    »Mir au, wenn i die Kart no weiter les«, sagte Bär.
    Martin lachte nur und klopfte Bär auf die Schulter. »Halb so schlimm«, munterte er ihn auf. »Sicher gibt’s hier auch Spätzle.«
    Bär warf mir einen anklagenden Blick zu, als sei ich an seiner ganzen Ernährungsmisere schuld. »Wenn’s hier Spätzle gibt, fress i an Besa«, grummelte er.
    Ich verbiss mir eine unfreundliche Antwort und bemühte mich um eine innere Haltung voller Nachsicht und Geduld. Schließlich hatte ich ein Kind, also hatte ich darin eigentlich Übung.
    »Weißt du denn nun, was du nimmst?«, fragte Martin seinen Freund.
    »Wenn i net wois, was des älles isch, kann i au nix bstella«, sagte Bär mürrisch.
    An Martins Stelle hätte ich ihm die Speisekarte um die Ohren gehauen. Doch Martin sagte nur: »Fragen wir doch die freundliche Bedienung.«
    Der toppte mich ja noch an Geduld! Er musste sehr viele Kinder haben.
    Die junge Dame trat an unseren Tisch. »Nu, wie kann isch Ihn’ helfen?«, fragte sie in lupenreinem Sächsisch.
    Martin sah unschuldig zu ihr hoch. »Eine Frage: Aus welchem Teil Österreichs stammen Sie?«
    Ich kicherte, und selbst Gesa schien sich das Lachen zu verbeißen.
    Schnell schob Martin nach: »Mein Freund hier bräuchte nämlich Ihre Hilfe. Könnten Sie ihm wohl die Speisekarte übersetzen?«
    Die Bedienung sah etwas verschnupft aus, doch sie meisterte die Herausforderung, vor die sie sich mit uns gestellt sah, mit Bravour. Tatsächlich dauerte es kaum mehr als fünfzehn bis zwanzig Minuten, um Bär davon zu überzeugen, der Küche des Hauses eine Chance zu geben. Er entschied sich schließlich für ein Wiener Schnitzel.
    »Wie mutig von dir«, kommentierte Gesa an Bär gewandt, als die arme Sächsin endlich mit unserer Bestellung abzog.
    Bär dachte noch bedächtig über eine Erwiderung nach, als Martin vorschlug: »Jetzt stoßen wir doch erst einmal an. Darauf, dass diese unglückselige Nummer mit der Nummer«, er lachte, »endlich ausgestanden ist.«
    »Ausgestanden ist nicht ganz richtig«, sagte ich. »Es rufen immer noch täglich irgendwelche Leute an, die >TauBärs< Dienste in Anspruch nehmen wollen.«
    Martin sagte: »Immerhin haben wir so die Gelegenheit bekommen, uns kennenzulernen!« Er strahlte mich an, und ich spürte, wie Gesa neben mir sich versteifte.
    Mit giftigem Lächeln sagte sie: »Martin hat extra ein Konzert für diesen schönen Abend ausfallen lassen. Ist das nicht süß von ihm? Bryan Adams.«
    »Bryan Adams? Das ist mein Lieblingssänger!«, rief ich begeistert.
    »Vielleicht sollten wir beide hier abhauen und lieber den Rest des Konzerts genießen«, grinste Martin. »Ich glaube, wir würden uns auch ohne diese zwei Spaßkanonen amüsieren.«
    Gesa setzte mit empörtem Gesichtsausdruck zu einer Antwort an, und ich hob, um Frieden bemüht, eilig mein Glas. »Wir wollten doch anstoßen. Also dann, auf … äh, Österreich.«
    Bär wartete das umständliche Zeremoniell lieber nicht ab, er trank schon. Als der Fellbacher Riesling seine Kehle hinunterrann, sah er zum ersten Mal an diesem Abend zufrieden aus.
    »Ist der Wein gut?«, fragte ich freundlich.
    »Ha ja«, sagte Bär. »Der kommt ja au von hier.«

2010

Empfindsam erziehen Cover

Empfindsam erziehen
Sachbuch
Festland-Verlag Wien, Oktober 2010
160 Seiten, broschiert, € 18.50
ISBN 978-3-9501765-5-1

  • Hochsensibilität bedeutet ein intensiveres Wahrnehmen

    und tieferes Verarbeiten von Eindrücken und Informationen aller Art. Es wird angenommen, dass ca. 15% der Menschen hochsensibel sind. Diese Anlage zeigt sich meist bereits im Babyalter und begleitet Menschen ihr Leben lang. Hochsensible Kinder bereichern das Familienleben mit ihrem besonderen Sinn für Harmonie, Gerechtigkeit und die Schönheiten der Welt. Sie sind typischerweise naturverbunden, tiefsinnig und fürsorglich, und nicht wenige saugen die Stimmungen anderer Menschen auf wie ein Schwamm. Diese und ähnliche Eigenschaften können jedoch auch zu Problemen führen: Denn hochsensible Kinder können sich schlecht vor Stress und Lärm abschirmen, auch die Abgrenzung von sozialen Konflikten in ihrer Umwelt gelingt kaum. Das kann im ganz normalen Alltag zu massiver Reizüberflutung führen – mit Reaktionen, die bei nicht hochsensiblen Menschen für verständnisloses Kopfschütteln sorgen. Und die Eltern beschleicht das Gefühl, im Umgang mit dem komplizierten Nachwuchs alles falsch zu machen… „Empfindsam erziehen“ möchte den Eltern diese Unsicherheit nehmen. Denn mit hochsensiblen Kindern richtig umzugehen, ist gar nicht so schwer!

  • „Das Buch ist ein Plädoyer für ein aufmerksames Miteinanderleben, in denen die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Mittelpunkt stehen und ist als solches eigentlich nicht nur für die Eltern hochsensibler Kinder ein wertvoller Impulsgeber. Gerade für festgefahrene Situationen und zu sehr fremdbestimmte Ansichten darüber, was Kinder sein oder können sollen bietet Julie Leuze Auswege und neue Sichtweisen, die allen Beteiligten die Freude am miteinander Leben leichter machen können.“
    rabeneltern.org

    „Hochsensible Kinder sind anders, nicht schlechter oder besser, nur eben anders, und genau das will das Buch »Empfindsam erziehen« vermitteln. (...) Sehr hilfreich sind die zahlreichen Erfahrungsberichte, die Julie Leuze zusammengetragen hat. Sie zeigen die unterschiedlichsten Facetten von Hochsensibilität und machen Eltern Mut, die Stärken ihrer Kinder zu genießen. Egal, ob hochsensibel oder nicht, dieses alltagstaugliche Buch ist ein wunderschöner Leitfaden durch die Kindheit, das Familien zum verständnisvollen Miteinander anregt.“
    WirbelWind

    „Resümierend kann ich Julie Leuzes Buch wärmstens empfehlen. Es ist einfühlsam, detailliert und mit angemessenem wissenschaftlichem Background unterstützt verfasst. Insbesondere die häufigen Zitate von hochsensiblen Kindern selbst oder ihren Eltern lassen dem Leser den Raum, sich entweder selbst in die Kindheit zurückzuversetzen oder aber als Elternteil Verständnis zu erlangen.“
    Intensity

  • „Hochsensible Kinder sind ein wenig anders als andere Kinder, und dieses Buch ist ein wenig anders als andere Bücher. Was hochsensible Kinder so besonders macht, das wissen Sie von Ihrem eigenen Nachwuchs – sonst hätten Sie wohl nicht nach diesem Buch gegriffen. Was Empfindsam erziehen besonders macht, sind die Mütter und Väter, die dahinter stehen: Eltern hochsensibler Kinder, die mir tiefe Einblicke in ihr Familienleben gewährt haben. Eltern, die mir von den vielfältigen Herausforderungen des familiären Alltags erzählt haben, von den Stärken und Schwächen ihrer Kinder, von kleinen und größeren Problemen und von den Lösungen, die sie dafür gefunden haben.
    Diesen Eltern folgt die inhaltliche Ausrichtung des Buches: Was ihnen am Herzen lag, hat auch Eingang in Empfindsam erziehen gefunden. Ein Ratgeber von Eltern für Eltern also, in dem die Mütter und Väter ausführlich zu Wort kommen. Dabei habe ich die Ausdrucksweise der Befragten bewusst unverändert gelassen, um größtmögliche Authentizität zu gewährleisten. Verändert wurden lediglich die Namen, so dass die Anonymität der Interviewten bestehen bleibt.
    Auf diese Weise möchte ich es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ermöglichen, von den Erfahrungen anderer Eltern zu profitieren. Denn das ist es, was im Umgang mit hochsensiblen Kindern oft am meisten fehlt: der Austausch mit Müttern und Vätern, denen es genauso geht wie einem selbst. Diese Lücke im Erziehungsalltag möchte Empfindsam erziehen schließen.
    Wissenschaftlichen Anspruch erhebt das Buch indes nicht, und ebenso wenig sollen bestimmte erzieherische Verhaltensweisen zum Dogma erhoben werden. Für ersteres erscheint mir die Forschungslage noch als zu dünn, und letzteres hieße, die Individualität der Kinder und ihrer Eltern gründlich misszuverstehen. Deshalb werden Sie hier auch keine klare Definition finden, wann ein Kind als hochsensibel gilt und wann nicht. Denn ebenso wie andere Kinder auch, sind hochsensible Kinder sehr unterschiedlich: Manche sind extrem geräuschempfindlich, ansonsten aber unauffällig; manche zeigen ihre Sensibilität vor allem im zwischenmenschlichen Bereich; wieder andere vereinen sämtliche Merkmale in sich, die auf einschlägigen Listen zur Hochsensibilität aufgeführt werden. Hochsensibilität kann sich also auf verschiedene Art und Weise zeigen, und so werden Sie Ihr Kind weder in allem, was Sie im Folgenden lesen werden, wiedererkennen, noch werden alle Ratschläge zu Ihrem Kind und Ihnen passen.
    Gott sei Dank: Denn Hochsensible sind Individuen wie andere Menschen auch, die weder auf ihre Hochsensibilität reduziert, noch abgewertet, noch auf einen Sockel gehoben werden sollten. Ein hochsensibles Kind drückte es einmal so aus:

    „Ich bin doch nicht aus Gold oder Silber.
    Ihr seid bloß grün und ich bin gelb.
    Bloß ein bisschen anders.“

    Wie Mütter und Väter mit dieser Andersartigkeit umgehen, welche Probleme am häufigsten vorkommen und welche Ratschläge Eltern und Experten dazu bereithalten – das steht in Empfindsam erziehen.“

2009

Schwäbische Geisterstunde Cover

Schwäbische Geisterstunde
Kurzgeschichten
Silberburg-Verlag, Sep. 2009
144 Seiten, gebunden, € 14.90
ISBN 978-3-87407-847-4

  • Ein Gespenst geht um im Schwabenland

    – und nicht nur eines! Zum kopflosen Reiter gesellt sich eine blaublütige Schönheit mit mörderischem Geheimnis. Die traumhafte Braut wird im nächtlichen Wald zum Alptraum. Und ein begrabener Hahn kräht den Tod herbei, während ein schattenhaftes Liebespaar für erotische Verwicklungen im Weinberg sorgt ... Mal gruselig und düster, mal witzig und mal nachdenklich, haben die Erzählungen in diesem Buch eines gemeinsam: Sie ranken sich um traditionelle schwäbische Sagen und verleihen ihnen eine zeitgemäße Form. Spannend erzählt, lustvoll ausgesponnen und auch mal gegen den Strich gebürstet, verwandeln sich die volkstümlichen Überlieferungen in zwölf packende Kurzgeschichten.

    Aber Vorsicht! Wer zu dieser magischen Reise durch das württembergische Kernland aufbricht, der wird danach so manchen Ort mit anderen Augen sehen. Denn er wird wissen: Ob in Stuttgart oder Schorndorf, in Esslingen oder Böblingen – vor der sagenhaften Geisterwelt ist man nirgends sicher!

  • „Ein Buch, das Grusel- und Liebesgeschichtenlesern gleichermaßen etwas bietet. Sehr empfehlenswert zum Schmökern in kalten Herbstnächten! Und wer wissen möchte, welche Sagen den Kurzgeschichten als Vorlage dienten, findet im Anhang eine Aufstellung mit Literaturhinweisen.“

    amazon-Leserrezension

  • Michaelisnacht

    Ich sah sofort, dass der Alte im Sterben lag. Und dass er die Hölle, die ihn möglicherweise erwartete, schon jetzt in seiner Seele trug.
    „Warum hast du mich gerufen?“, fragte ich unwirsch. „Du musst selbst wissen, dass ich nichts mehr für dich tun kann.“ Ich wies mit der Hand auf seinen ausgemergelten Körper. Vielleicht war ich barscher als nötig; doch das irre Leuchten in seinen Augen machte mir Angst, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als die enge Kammer zu verlassen. Der Gestank von Krankheit und Schuld nahm mir den Atem.
    Der Alte versuchte mühsam, den Kopf von der mit Stroh gefüllten Matratze zu heben und zu sprechen. Ein Hustenkrampf schüttelte seinen mageren Körper, und ich wich unwillkürlich zurück. Jesus Christus, schalt ich mich im Stillen, warum bringt mich dieser Greis denn so aus der Fassung? Ist die Behandlung von Kranken neben der Geburtshilfe nicht das, womit ich mein tägliches Brot verdiene? Und ich habe schon mehr als einmal einen Sterbenden gesehen!
    Ich riss mich zusammen und kramte in meinem Beutel nach einigen Kräutern. „Einen Tee kann ich dir bereiten“, grummelte ich, „der beruhigt dich und wird die Krämpfe mildern.“ Dann wandte ich mich ihm zu und zwang mich, direkt in seine blutunterlaufenen Augen zu blicken. „Aber dir ist klar, dass du sterben wirst, nicht wahr? Wenn nicht heute, dann morgen. Länger wird es nicht mehr gehen.“
    Entsetzen flackerte in seinem Blick auf. „Morgen?“, krächzte er. „Heute will ich sterben, vor Mitternacht … weißt du denn nicht, Kräuterweib, was morgen für ein Tag ist?“
    Ich runzelte die Stirn. „Michaeli“, sagte ich kurz.
    „Michaeli“, flüsterte er. „Und in der Michaelisnacht kommt er.“ Ein Schaudern ging über seinen Körper, und ich schämte mich für die Erleichterung, die ich empfand, als ich dachte: Jetzt schläft er für immer ein.
    Doch der Alte war noch nicht bereit.
    „Ich gebe dir so viel Geld, dass du ein Jahr lang nicht arbeiten musst.“ Er starrte mich beschwörend an. „Wenn du dafür heute Nacht bei mir bleibst.“
    Ekel wallte in mir auf. Empört zischte ich: „Hast du angesichts der Vorstellung, so bald schon vor deinen Schöpfer zu treten, nichts anderes im Kopf als … als das? Widerlicher Greis!“
    Er lachte. Es war ein Lachen, bei dem sich die feinen Haare auf meinen Unterarmen aufrichteten. Ich zog mir mein Tuch fester um die Schultern und kämpfte die Panik nieder, die in mir hochstieg.
    „Das …“, wiederholte er langsam. „Du überschätzt deine Reize, Kräuterweib.“ Seine roten Augen musterten mich, und er sah fast amüsiert aus. „Ich brauche dich für etwas ganz anderes. Du kannst doch schreiben, oder?“
    „Ähm … ja. Ein wenig.“ Woher wusste er das? Ich war tatsächlich des Schreibens mächtig, weil ich die Rezepte für meine vielen Salben, Tränke und Tinkturen immer wieder durcheinander brachte. So war ich darauf angewiesen, die richtigen Zutaten und Mischungen aufschreiben und lesen zu können. Gottlob hatte mich ein dankbarer Patient vornehmen Geblüts nach seiner Genesung – bei ihm hatten Zutaten und Mischung wohl gestimmt - in die Kunst der Buchstaben eingeführt. Aber was hatte das mit dieser Situation zu tun? Mit diesem unheimlichen Sterbenden, dieser muffigen Kammer, dieser Nacht?
    „Schreib mein Vermächtnis auf“, flüsterte der Alte. „Und wenn es gottgefällig genug ist, so soll mir im Jenseits erspart bleiben, was mir seit einem halben Jahrhundert das Leben vergällt und mich in den Wahnsinn treibt.“
    Mein Mund war plötzlich so trocken, als hätte ich Staub gegessen. Gleichzeitig spürte ich ein Kribbeln an der Kopfhaut und war völlig unfähig, den Blick von dem Alten auf seinem Strohsack zu wenden.
    Er lächelte zahnlos. „Habe ich dich“, krächzte er zufrieden.